AUSGABE AUGUST / SEPTEMBER 2019


"NEHMT AN DAS MENSCHLICHE ICH"
Gibt es eine Orientierung innerhalb verschiedener anthroposophischer «Meinungen»? Und rührt nicht der grösste Teil aller inneranthroposophischen Missverständnisse und Grabenkämpfe vom berühmten «Leberecht Graf Mangelanunterscheidungsvermögen» (R.St.) her? Dieses Editorial wie auch weitere Beiträge in diesem Heft handeln vom Wissenschaftsverständnis der Anthroposophie und vom Hereintragen bürgerlicher oder politischer Ansichten, die aus der Polarität Links-rechts oder «Gut-Böse» genährt werden, in die Erkenntnissphäre der anthroposophischen Geisteswissenschaft. 


BALLMER: BRIEFWECHSEL MIT AGNES KERN (II.)
«Bei der Anthroposophie ist es aber glaube ich so, dass es ein Verstehen nur gibt, wenn man sich mit ‹Leib und Seele› hineinwagt», so Agnes Kern in einem Brief an Karl Ballmer. Die Antwort fällt entsprechend offen aus. Mit seinem Mund, vor welchen er kein Blatt zu nehmen pflegt, erzählt Balmer von dem, «was wir Älteren durchgemacht haben». Durch einen Rückgriff auf den ersten Brief von Agnes (s. voriges Heft) sensibilisiert Ballmer schliesslich die junge Malschülerin für existentielle Fragen an der Grenze von Physik und Kunst: «Was ist die Sinneswahrnehmung»? Auf welche allein die Geisteswissenschaft Rudolf Steiners eine befriedigende Anwort geben kann. 


DAS ELTERN-PARADOX
Mit welchen Wünschen und Klischees im Bewusstsein melden Eltern ihre Kinder in der Waldorfschule an? Und wie verhält sich dazu das Wort Rudolf Steiners, welches Rüdiger Blankertz in seinem Beitrag zitiert: «Im Grunde genommen will die Waldorfschul-
Pädagogik gar nicht erziehen, sondern aufwecken. Denn es handelt sich um das Aufwecken. Erst müssen die Lehrer aufgeweckt werden, dann müssen die Lehrer wieder die Kinder und jungen Menschen aufwecken ...» Schon die Gegenüberstellung der eigenen Vorstellungen mit der Forderung Rudolf Steiners möge für die Frage aufwecken: Was meint Rudolf Steiner da eigentlich mit «Aufwecken» der Kinder, der jungen Menschen, der Lehrer und Eltern? Wie «macht man das»? 


DIE PÄDAGOGIK IM GEISTE SCHELLINGS
Wird die Pädagogik im Geiste Schellings ins Auge gefasst, so steigert sich die Frage des «Sich gegenseitig Aufweckens» zur Frage des «Sich selbst Erweckens». Die Auseinandersetzungen Schellings zum Verhältnis absoluten Wissens zum Willen lösen sich bei Steiner in der Entwicklung der moralischen Phantasie auf, dem reifen Ergebnis seiner erkenntnistheoretischen Arbeit. Phantasie ist denn auch das Stichwort, an welches Steiner anknüpft, um auf die Bedeutung Schellings für die Pädagogik hinzuweisen. 


URSPRUNG KÜNSTLERISCHER THERAPIEN
Die Skizze von E.L. Hambrecht bringt uns zum Bewusstsein, wie jung diese Therapieform ist, und dass es des geisteswissenschaftlichen Hintergunds bedarf, um sie verstehen und anwenden zu können. Liane Collot d’Herbois hat durch Rudolf Steiners Ausführungen zur Farbenstehung aus Licht und Finsternis im kosmischen Prozess – und natürlich durch seine Menschenkunde im Ganzen – ihren eigenen Kunst- und therapeutischen Impuls ausarbeiten und ihm eine einzigartige Gestalt durch den bewussten, differenzierten Umgang mit Licht, Finsternis und Farbe verleihen können. Die abgebildeten Werke möchten davon Zeugnis ablegen. 


GEISTESWISSENSCHAFT ALS ERKENNTNISFORTSCHRITT
Wie ein roter Faden zieht sich durch dieses Heft die Abgrenzung zwischen der Polarität im Alltagsbewusstsein des bürgerlichen Daseins und ihrer Überwindung durch Erkenntnis in der Geisteswissenschaft. Dahinter verbirgt sich die Frage nach dem Wissenschaftsverständnis der Anthroposophie, welche mit der Beantwortung dieser Frage steht und fällt. Maria Dörig hat einige Stellen zu dieser Frage aus zwei Vorträgen Rudolf Steiners zusammengestellt.


MEHR ANTHROPOSOPHIE! - JOST SCHIEREN IN DER GOETHEANUM WOCHENSCHRIFT
Diese Forderung ist ein Zitat. Unter dem Titel wurde ein Interview mit Jost Schieren veröffentlicht in der Goetheanum-Wochenschrift. Maria Dörig fühlt dem Einsatz Schierens für die wissenschaftliche Behandlung der Anthroposphie auf den Zahn. Es zeigt, dass die Gefahr heute eine immens grosse ist, dass die universitären Missverständnisse in die Anthroposophie hereingetragen werden statt anthroposophische Richtigstellungen und Klärungen hinaus. Insofern ist der Ruf nach «Mehr Anthroposophie!» ein zutiefst berechtigter, nur dass die Rufenden nicht bemerken, dass sie es sich selbst zurufen... 


BUCHBESPRECHUNG: IRENE DIET, ANTHROPOSOPHISCHE MEDITATION
Irene Diet setzt sich seit längerem mit der Modeerscheinung sogenannt «anthroposophischer Meditation» auch durch Publikationen auseinander, die jetzt in Buchform zusammgengefasst erschienen sind. Eine Rezension von Arnold Sandhaus. 


ZUR GESCHICHTE EINER ABWESENHEIT
In einem Essay über Deutschland, das zuerst in Russland in russischer Sprache erschienen ist und vom Autor Karen Swassjan selbst ins Deutsche übersetzt wurde, komponiert dieser symptomatologische Ereignisse – mitunter zeitgeschichtliche Anekdoten – der letzten hundert Jahre zu einem Geschehen, das den Leser die Tragik der umöglichen Existenz des unterdrückten (und sich unterdrücken lassenden) Volkes erleben lässt.



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