AUSGABE MÄRZ/APRIL


KARL BALLMER – BRIEFE
Karl Ballmer schickt sich an, einer Hamburger Dame eine gerechte Vorstellung über Rudolf Steiner zu vermitteln. Der von Ballmer bewusst ergriffene Zufall will es, dass Hermann Graf Keyserlings «Südamerikanische Meditationen» dabei eine Art Katalysatorfunktion übernehmen und wir dadurch in den Genuss von Ballmers Intuitionsvermögen und seiner grossen Wissensschätze gelangen, die er treffsicher zu handhaben weiss. Keyserling widerfährt ebenfalls Gerechtigkeit, indem er durch Ballmer in seinen Impulsen und Intentionen im Vergleich zu anderen wie z.B. Fichte und Klages aufwacht. Im Weiteren streift Ballmer Themen wie Kunst und Wissenschaft, Selbsterkenntnis, Rätsel wie den Kosmos, den Schmerz, Buddhismus und Christentum, den Tod, die Vererbung und die Wiederverkörperung. 


"HIER IRRT RUDOLF STEINER" 
In der 2. Folge zu den Textverfälschungen im «Egoismus in der Philosophie» untersucht Rüdiger Blankertz die okkulten (=verborgenen) Intentionen der Herausgeberin der fehlerhaften Druckausgabe. Wiederum werden wir aufgefordert, unser eigenes Anthroposophieverständnis zu überprüfen, insbesondere die verkappten Hindernisse zu erkennen, die diesem – hier wiederum nur exemplarisch bei der Herausgeberin – entgegenstehen. Nicht als Zielscheibe soll ihre «Tat» hier stehen, sondern als Projektionsfläche für unsere eigenen, gleichartigen blinden Flecken. Wenn Blankertz mitunter zu drastischen Bildern greift, so um den Sinn für das Übersinnliche zu sensibilisieren. Denn das luftige Frühlingslied «Die Gedanken sind frei» zeitigt noch immer die Grundstimmung unserer Seelen: was wir denken, ist zollfrei und vor allem überhaupt gratis und folgenlos. Es sei allein zu unserem Vergnügen da, und was soll ein falscher Gedanke irgendwo schon für eine Rolle spielen? Blakertz sorgt dafür, dass etwas mehr Bewusstsein einzieht für den sonst so hochgeschätzten und beweihräucherten, aber doch letztlich und tat-sächlich nur stiefmütterlich behandelten Geist. 


DER EGOISMUS IN DER PHILOSOPHIE
In der diesmaligen Etappe führt Rudolf Steiner von Spinoza über Leibniz, die Engländer Locke, Hume und Berkeley zu Kant. Es ist ein Anlass mehr zum Staunen, wie sicher R. Steiner den Faden zu führen weiss durch die subtilen Unterschiede in den Gedankengebäuden der Philosophen. Jeder bringt an seiner Stelle etwas Neues, Spezifisches zum Bewusstsein, und durch die jeweiligen Einseitigkeiten verlieren sie den Blick für das Ganze. Es wird sichtbar, wie «Gott» in allen «Schattierungen» jeweils den «schwarzen Peter» zieht, wenn es darum geht, ein Weltbild abzurunden – wie es sogar bei dem in der offiziellen Wissenschaft heute vielleicht massgeblichsten Erkenntnistheoretiker Kant die grundlegende Motivation seiner Philosophie war, den Glauben vor dem Wissen zu retten.


DIE ERZIEHUNGSFRAGE ALS SOZIALE FRAGE
Der bemerkenswerte Vortragszyklus Rudolf Steiners «Die Erziehungsfrage als soziale Frage» wurde zum Anlass mehrerer Aufwach-Momente. Durch die Zusammenstellung von Auszügen bekommt der Text eine starke Eindringlichkeit, und wir werden geradezu darauf gestossen, die geäusserten Gedanken auf uns selber zu beziehen. Denken wir denn wirklich anders, als wie es hier geschildert wird? Stellen wir uns die Welt nicht letztlich doch wie eine grosse, funktionierende Maschine vor? Nicht auf der Veranda unseres Bewusstseins natürlich, da sind wir ja «Anthroposophen» – aber in den unbewussten Seelengründen, wo wir uns selber nicht wach beobachten, da führt das materialistische Monstrum ungehindert sein Szepter und schlägt Löcher um Löcher in den Kosmos, lässt den Willen sinnlos werden, was viele nur allzugut aus dem eigenen Erleben kennen. Was nötig ist, um dieses Gespenst zu überwinden, und wie das erzieherisch vorbereitet werden muss, damit es aus der sozialen Wirklichkeit verschwinden kann, damit die soziale Wirklichkeit anders, besser wird.


AUCH SCHULE UND PÄDAGOGIK ...
Ein Intermezzo ist der kurze Text von Louis M.I. Werbeck, den er wenige Jahre nach Inauguration der Waldorfpädagogik veröffentlichte. Aus einer andern Richtung lenkt er den Blick auf die Bildungsfrage und zeigt, wie desolat es mit der Auffassung von Schule und der Vorbereitung der jungen Menschen auf das spätere Leben steht. Ist es heute anders, oder erkennen wir da nicht dieselben Muster, die es zu überwinden gälte, noch immer? Ein Spiegelbild für unser Bewusstsein. 


DIE ZUKUNFT DER MENSCHHEIT IM ANGESICHT DER PÄDAGOGIK
... der Pädagogik: Der Waldorfpädagoge Johannes Kartje geht in seinem Beitrag aus von Rudolf Steiners Zyklus «Die Erziehungsfrage als soziale Frage» und zeigt eindrücklich, wie Rudolf Steiner eine «kleine» und eine «grosse Pädagogik» parallel entwickelte, und wie sie ineinandergreifen. Dabei kommt er auch auf den Zustand einer Bewusstlosigkeit diesen Zusammenhängen gegenüber zu sprechen, der sich in Waldorfkreisen ausgebreitet hat, und erinnert an die Aufgabe, welche dem Vertreter dieser Pädagogik für die Menschheit in die Hände gelegt ist. 


DER WELT KLÄREND BEISTEHEN
Es geht um anthroposophische Selbsterkenntnis. Wie gedankenlos gehen wir doch mit den Gedanken Rudolf Steiners um! Maria Dörig bespricht einige markante Stellen aus publizierten Artikeln, wo solche Gedankenlosigkeiten geradezu hervorspringen. Anlässe zu solchen Auseinandersetzungen gibt es wie Sand am Meer. Gerade wenn es nicht auf Anhieb immer so eindeutig scheinen mag: dadurch, dass auf einige solche Textstellen aufmerksam gemacht wird, kann eine Hilfe gegeben sein, um das Gedankenwesen wirklichkeitsgemäss erfassen zu lernen. Denn leider wird von allzuvielen das Reden über den Geist mit dem Geist selbst verwechselt, und man zieht flüchtige Gedankenschatten, die angenehm reizvoll durch die Seele ziehen, einem konkreten und exakten Begreifen und Verstehen der übersinnlichen Tatsachen und Vorgänge vor. Oft nahezu perfekt getarnt mit anthropospohischen Begrifflichkeiten. 


REPLIKEN

Der Leiter des Rudolf Steiner Archivs, David Marc Hoffmann, rechtfertigt in seiner Stellungname zu den Artikeln von Rüdiger Blankertz die Arbeit der Herausgeber der GA-Bände. Dabei erfahren wir beiläufig auch etwas über die Archivtätigkeit und die Geschichte der GA-Herausgabe. Dass er sich an Blankertz Vokabular stört, tut uns leid. Wie wir dies aufgefasst wissen möchten: als Bewusstmachung, wie die Vorgänge im Übersinnlichen zu gewichten sind, die sonst nonchalant übergangenen werden – dürfen wir offenbar nicht müde werden, bei jeder Gelegenheit zu wiederholen. 

Gender ist ein wahrhaft lästiges, klebriges Thema geworden. Man kann sich nicht einmal im anthroposophischen Milieu frei darüber äussern, ohne von «Betroffenen» oder besser von deren selbsternannten «Vormündern» getadelt zu werden – bis hin zum Wunsch, dass uns unsere «Lizenz zum Schreiben» entzogen werde. Wobei die ungefragt vorauseilend bevormundeten «Betroffenen»  der Einsicht selber inzwischen oft schon näher stehen als ihre selbsternannten «Hüter». Diese scheinen jegliche Verhältnismässigkeit, den Wirklichkeitssinn verloren zu haben. Was daran ganz besonders schlimm ist: wie unbedacht gerade diejenigen, die mit anthroposophischen Floskeln eine anthroposophische Behandlung des Themas fordern, selber mit der Anthroposophie umgehen. Ein Aufklärungsversuch mehr für Anthroposophen in der Mainstreamfalle. 

Die Frage Ist der Christus das wahre Ich des einzelnen Menschen? ist noch nicht beantwortet, sondern es wurden bisher verschiedene Gesichtspunkte dazu herbeigezogen. Gernot Proff stellt sie ausgehend von einem Zitat aus Rudolf Steiners «Theosophie» in einen weitumspannenden Kontext, wobei aber auch noch weitere Fragen aufgeworfen werden, die zu den schwierigsten anthroposophischen Fragen gehören und in dem längeren Auszug aus Karen Swassjans «Schöpfer aus dem Nichts» erläutert werden. 



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