DEN GEIST ZUM LEUCHTEN BRINGEN


EDITORIAL NOVEMBER 2017


November ist der finsterste Monat des Jahres – mit dem Totensonntag am 26. –, und so ist es kaum ein Zufall, dass gerade in dieser Ausgabe Abgründe und Zerstörungskräfte besonders thematisiert werden. Doch solches wäre nur zusätzlich abbauend, würde nicht gleichzeitig etwas für die aufbauenden Kräfte getan. Ist es doch Schwäche, besonders geistige Schwäche, welche überall im öffentlichen und privaten Leben unsere abgründige Zeitsignatur bewirkt, so gilt es, sich zu stärken, um nicht im allgemeinen Schwachsinn unterzugehen. Wer sich nicht bewusst selber für geistige Arbeit einsetzen will, der schwimmt in der Tat auf der materialistischen Welle des Zeitvernichtungsstroms obenauf, wieviel er dabei auch immer von Geist schwärmen oder schwätzen mag.
Auf die aufbauenden Kräfte möchte ich für einmal ganz besonders hinweisen, weil es nämlich ein Anliegen des AGORA-Magazins ist, sie zu fördern und zu pflegen. Auch wenn wir das selten explizite machen, findet man es in jedem Heft, und zwar besonders in jedem schwierigen Text. Je anstrengender eine Lektüre ist, desto mehr kann der Leser bei sich geistige Kräfte mobilisieren. Es beginnt mit der Konzentrationskraft, die es braucht, um einen längeren Satz zu verstehen, oder um einen Gedanken über mehrere Absätze hinweg im Bewusstsein zu halten. Es gehört dazu die Überwindung, sich auf das Abstrakte einzulassen, das mit der Zeit aber seine Abstraktheit verliert, wenn es sich um einen Text handelt, dem geistige Erfahrung zugrundeliegt. Es gehört oft auch dazu, von der Lektüre aufzustehen und zu einem Wörterbuch zu greifen oder im Internet etwas nachzulesen, um einen Begriff oder eine Begebenheit zu verstehen, oder um einen Toten (eine im Text erwähnte historische Persönlichkeit) kennenzulernen, auf die Chance hin, dass dieser im Leser einen Auferstehungsmoment feiern könne.
Darüberhinaus kann man, statt nur seine eigenen Meinungen bestätigt oder widerlegt zu finden, auch Interesse für den Autor entwickeln. Das führt mit sich, dass man sich nicht damit zufrieden gibt, was jemand schreibt, sondern auch bewusst darin lebt, wie er es schreibt, und sich vielleicht sogar fragt, was ihn dazu bewegt, genau dies und genau so zu sagen? Dabei kann man sehr viel lernen.
Gerade wenn wir die Gedanken von Persönlichkeiten mitdenken, die ihr Denken bis zu einem hohen Grad gereinigt haben von den Schlacken des Materialismus, leben wir im ur-eigensten menschlichen Element. Wo liesse sich freier leben als im reinen Gedanken, den niemand als der Mensch selbst denken kann?
Es kann auch von «dem Schlimmen» auf der Welt so oder anders gesprochen werden. Ist es bloss ein Wehklagen oder Schimpfen, so wird das Schlimme um ein weiteres Schlimmes vermehrt. Schwingt sich hingegen jemand auf zum denkerischen Durchdringen des Schlimmen, so kann man mit noch so viel Schlimmem konfrontiert werden – die Art, wie man es dann wird, erkraftet, macht moralisch stärker, impulsiert zur Besinnung auf das Beste in einem, weckt auf.
Es ist ganz gleich wie in der Malerei, wie in der Musik: wenn ein Maler oder Komponist das Kontrastieren beherrscht, so gewinnen seine Werke an Aussagekraft. Auch die Leuchtkraft des Denkens wird über das Element der Finsternis erst richtig bewusst. Ein Buch, das von der ersten bis zur letzten Zeile leuchtet wie Steiners «Philosophie der Freiheit», wird leider heute gar nicht in seiner Leuchtkraft wahrgenommen. Die Menschen haben das Wahrnehmungsorgan dafür verloren. Es wurde abgestumpft, ist atrophiert. Deshalb müssen wir am Finstern, an den Abgründen unserer Zeit erwachen, weil wir das Leuchten des Geistes zuerst da wahrnehmen, wo wir selber noch im Finstern stehen, und zwar wenn wir uns nicht nur so gemeinhin im Finstern wissen, sondern uns der Finsternis, in der wir stecken, auch ganz konkret und wirklich – durchdacht und empfunden – bewusst werden. So kann dieses atrophierte Organ, der Sinn für den Geist, wieder zum Leben erweckt werden.

Auch in diesem Heft gibt es wieder Texte von elementarer Kraft, die mit Starksinn gegen den Schwachsinn der Zeit ankämpfen, die den Geist aufleben und leuchten lassen, und wo mitunter auch die Funken stieben und die Gischt aufbrausen mag. Wir, die wir uns auf den Seiten der Agora begegnen, wünschen Ihnen, die es lesen, einen leuchtenden Auftakt in die dunkle Jahreszeit.

Iris-Astrid Kern



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