DENKEN UND VERSTEHEN LERNEN


von Prof. Dr. Karen Swassjan


Der Ausgangspunkt

Worum es bei diesem Kurs gehen soll, lässt sich am besten an einem Vergleich erklären: Haben wir Probleme mit unserem Körper, so suchen wir medizinische Hilfe. Wir tun dies unter dem zunehmenden Zwang des Organismus, dessen Unwohlsein sich in Schwäche, Störungen und Schmerzen äussert.
Ganz anders gehen wir mit Problemen um, die beim Denken und Verstehen aufkommen. Haben wir solche Probleme überhaupt? – Würde uns jemand auf den Kopf zusagen, dass wir nicht Flöte spielen oder Japanisch sprechen oder stundenlang auf einem Bein stehen können, würden wir wohl zustimmen, ohne uns im Geringsten verletzt zu fühlen. Würden wir aber hören, wir könnten auch nicht denken, so würden wir das höchstwahrscheinlich als persönliche Beleidigung auffassen. Als wäre das Denken-Können ein selbstverständlicher Bestandteil unserer Grundausstattung – im Unterschied zum Tennisspielen oder Autofahren, das wir lernen und üben müssen. Woran liegt das?
Die Ursachen
Die Ursachen dafür sind vielfältig. Die wichtigste liegt aber wohl in unserer Unfähigkeit, innerlich gelebte und erlebte Bewusstseinszustände – unser Innenleben – so konkret wahrzunehmen, wie wir körperliche, sinnliche Vorgänge wahrnehmen. Wir können sie in der Regel nur mittelbar, im körperlichen Ausdruck erleben (Gefühle, Emotionen, Affekte etc.). Je weniger Verbindung unser Innenleben mit dem Körperlichen hat, desto abstrakter und lebensfremder erscheint es uns. Gegenüber der umfassenden und detaillierten Erforschtheit des physischen Organismus wirkt unsere Kenntnis des Innenlebens trotz aller Psychologie geradezu armselig – sie erinnert an die mittelalterlichen geographischen Karten: mit Giraffen an der Stelle von Asien, Krokodilen in Afrika und ganzen Kontinenten, die fehlen.


Kein Fastfood im Geist

Dies zeigt sich besonders deutlich an dem erwähnten Vergleich: Wie sorgfältig kümmern wir uns um unser körperliches Wohlergehen – und wie fahrlässig, wo nicht gar schlampig ist unser Umgang mit unserem Innenleben… Sieht man sich die heute konsumierte Nahrung an, die für den Körper und die für den Geist, so springt der Unterschied ins Auge: Bio-Lebensmittel sowie regionale, hochwertige Nahrungsmittel erobern sich immer mehr den Platz auf dem Tisch. Wir haben uns daran gewöhnt, beim Einkaufen auf die Zusammensetzung der Lebensmittel zu achten und gefährliche Zusatzstoffe zu meiden. Das nennt man – zu Recht – bewusstes und gesundes Essen.
Wie aber ist es um die geistige Nahrung bestellt? Bücher, Zeitungsartikel und andere «Medien» werden vorwiegend wie bedenklichste Fastfood-Fabrikate verschlungen. Leider ist unser Lesestoff nämlich nicht mit Aufzählung der Inhalts-Stoffe versehen, wo (analog zu Nitraten und Emulgatoren) etwa Denkschablonen, reflexartige Argumente oder leere Worte anstelle von Gedanken figuriert hätten.

Risikofaktoren des Denkens

Ein weiterer Vergleich liegt nahe: der mit dem Körpertraining. Jeder weiss, wie gefährlich ein bewegungsarmer Lebensstil ist – Bewegungsmangel wird mit gutem Grund zu den schwerwiegendsten gesundheitlichen Risikofaktoren gezählt. Zur Vorbeugung oder Behebung der schädlichen Folgen steht eine ganze Branche mit einem unübersehbaren Angebot sportlicher und parasportlicher Aktivitäten bereit. Dass aber der Bewegungsmangel nicht nur vom Körperlichen, sondern auch vom Geistigen gilt, und zwar ebenfalls als Risikofaktor, daran denken nur wenige. Hier gehört das letzte Wort dem Komfort. Man beklagt sich über schwer verständliche Ideen und Gedanken – und meidet sie. Auch ein Fitness-Training ist anstrengend und kostet Überwindung – hier entspricht ihm das Lernen.
Denken- und Verstehenlernen als Gegenstück zum Körpertraining: Sieht man die Dinge so, versteht man erst, wie vernachlässigt, ja verkümmert sich unser Denk- und Verständnisvermögen gegenüber der körperlichen «Fitness» meist ausnimmt. Es klingt vielleicht grotesk, aber weshalb sollte man nicht auch im seelisch-geistigen Bereich Entsprechungen zu Schlaffheit, Hexenschuss oder Bandscheibenvorfall annehmen?


Fazit

Praktische Übungen zur Stärkung der geistigen Widerstandsfähigkeit werden unter dem Motto Kampf um den Sinn oder Austreibung der Dummheit durchgeführt. Es bestehen Gründe, Dummheit als eine hoch ansteckende Krankheit zu betrachten, deren Infektionsherd im Sozialen steckt. Dies gilt zwar für alle Zeiten, doch will unsere Zeit alle dazugehörenden Bestleistungen geschlagen haben. Die Verdummungsmechanismen scheinen noch nie so mächtig und erfolgreich gewesen zu sein wie heute. Kann man von einer auf den Kopf gestellten Kultur reden, so ist es genau unser Fall, und nichts charakterisiert die Zeit, in der wir leben, besser als globales Projekt, den Zauberspruch der Hexen in Shakespeares Macbeth weltweit und allumfassend zu verwirklichen: «Fair is fool, and fool is fair» (Schön ist hässlich, hässlich schön).
Es ist dies der Befund, den nicht viele wahrnehmen und schon gar wenige akzeptieren können, unter diesen wiederum noch wenigere, die imstande sind, richtige Entscheidungen zu treffen. Spenglers Untergang des Abendlandes scheint im vollen Gange zu sein, zumal in den Massstäben, von denen Spengler selbst noch nicht einmal träumen konnte. Man beisst sich auf die Zähne, und man fügt sich resigniert in sein Schicksal. Oder aber man lernt, gelassen und geduldig, sich diesem Verderb zu widersetzen.


Kursbeschreibung

Zwar liegt der Schwerpunkt des Kurses auf der praktischen Arbeit, er setzt aber auch regelmässige theoretische Einführungen, eine Art erkenntniskritische Vorbereitung zu den zu behandelnden Themen voraus. Im Grunde handelt es sich um einen zweijährigen (voraussichtlich von zwei bis vier Mal pro Monat) Unterrichtsbetrieb, jeweils bis drei Stunden, von denen die erste ein anleitender Vortrag ist, die beiden anderen aber aus praktischen Übungen bestehen. Es sind Auswertung und Analyse verschiedener Textstellen (von philosophischen bis Zeitungsartikeln), wo Worte – Schlagworte, Redensarten, Phrasen, Gemeinplätze, Sprachautomatismen usw., usf. – gründlich bis in die Einzelheiten durchdacht und geisthygienisch entsorgt werden.
Der Kampf um den Sinn steht und fällt mit dem Kampf gegen die Worte. Der alte philosophische Glaubenssatz, es gebe kein von der Sprache unabhängiges Denken, sodass wir denken, sofern und solange wir sprechen, zählt seit geraumer Zeit zu den Wahrheiten, die als selbstverständlich gelten. Es ist keine Übertreibung zu sagen, dass sich unter allen falschen Lehrmeinungen keine zweite finden lässt, die zum Welt- und Kulturuntergang effizienter beigetragen hätte als diese Vermengung von Denken und Sprechen. Der Mechanismus ist schlicht und unbedarft: Zuerst setzt man Denken und Sprechen in eins, dann lässt man das eine im anderen aufgehen, woraufhin es kein Denken mehr bleibt und gibt, wohl aber nur dummkluge und ruhmredige Knallkapseln, die Diskurse heissen.
Diskurs ist: Worte, die sich als Gedanken gerieren, die aber keine sind. Noch schärfer: Kopien, für die es keine Originale gibt. Es lässt sich kaum irgendein Lebensgebiet finden, das nicht durch diese Kopien angeordnet und gelenkt wäre. Von der Universität bis zur Strasse, von den oberen Machtetagen bis zum Alltagsleben, von der Crème der Gesellschaft bis zur nächstbesten Klatschtante: niemand scheint von diesem Virus verschont zu bleiben, ja, überhaupt eine Ahnung von ihm zu haben. Es zeugt schon von einеr besonderen Fertigkeit, lange zu sprechen, ohne auch nur etwas zu sagen.
Worte, die von einer erhöhten Gefährlichkeit sind, sind unzählbar. Hier einige Beispiele davon: Gott, Geist, Seele, Materie, Totalitarismus, Demokratie, Menschenrechte, Gut und Böse, Liebe, Hass. Worauf es ankommt, ist nicht, diese Reihe in extenso zu komplettieren, sondern an einzelnen Beispielen Erfahrungen zu sammeln und zu lernen, wie das Unheil grundsätzlich zu entfernen ist.
Ziel und Resultat unseres Kurses liegen sonach nicht an dessen Ende, sondern sie fallen voll und ganz mit ihm zusammen. Jede Stunde, ja gar jede Minute der Arbeit kann hier in dem Mass als Resultat gelten, wie es gelingt, dieses Minenfeld zu entschärfen.

Karen Swassjan




DENKEN UND VERSTEHEN LERNEN
Seminare mit Prof. Dr. Karen Swassjan

Es sind bereits Gruppen in Zürich, Bern und Langenthal (Beginn voraussichtlich im September 2017) und in Stuttgart vorgesehen (Beginn Januar 17). Ev. folgen weitere.

Bei Interesse und wenn Sie über Orte und Zeiten rechtzeitig informiert werden möchten:

Kontaktperson in der SCHWEIZ:
Pia Zimmermann
Tel 079 738 27 33 oder
E-Mail: pia.zimmermann@hotmail.ch

Kontaktperson in DEUTSCHLAND:
Joachim Heck
E-Mail: j-heck@t-online.de
(bitte mit Betreff: «Denkschule») oder
Tel 0049 (0)7635 825 808



Prof. Dr. Karen A. Swassjan, geboren 1948, Studium der Philosophie sowie der englischen und französischen Philologie an der Universität Eriwan (Armenien). Professor für Philosophie, Kulturgeschichte und Ästhetik an der Universität Erevan. Übersetzer ins Russische und Herausgeber von Werken Rilkes, Nietzsches und Spenglers.
Autor zahlreicher Bücher und Aufsätze zu philosophischen, literarischen, kulturgeschichtlichen und anthroposophischen Themen in russischer und deutscher Sprache, darunter: «Unterwegs nach Damaskus. Zur geistigen Situation zwischen Ost und West», «Nietzsche – Versuch einer Gottwerdung»; «Der Untergang eines Abendländers: Oswald Spengler und sein Requiem auf Europa», sowie: «Rudolf Steiner. Ein Kommender».
Karen Swassjan ist Forschungspreisträger der Alexander von Humboldt-Stiftung, Bonn, und gewann 2009 den ersten Preis in einem philosophischen Essay-Wettbewerb der Russischen Akademie der Wissenschaften. Er lebt als freier Schriftsteller und Vortragender in Basel.

Weitere Publikationen und Kursangebote des Autors: www.geisteswissenschaft.net



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