"IN GEÄNDERTER ZEITLAGE"


Vielleicht haben Sie den neuen Untertitel der AGORA: in geänderter Zeitlage schon bemerkt. Es ist ein klares Bekenntnis zu dem gleichnamigen Vortragszyklus von Rudolf Steiner, der ursprünglich sechs Vorträge, vom 29. November bis 8. Dezember 1918 in Dornach umfasste (heute Teil von GA 186). Darin spricht Rudolf Steiner ausführlich von den Forderungen des Bewusstseinsseelenzeitalters, das mit dem 15. Jahrhundert begann und insgesamt etwa 2000 Jahre lang dauern wird. Das erste Viertel bis heute scheint dazu da gewesen zu sein, überhaupt nur erst die Notwendigkeit des Bewusstwerdens der Aufgabe und Würde unseres Menschentums zum Bewusstsein zu bringen.
An der Schwelle zum 20. Jahrhundert, in der Vergangenheit also, erfüllte Rudolf Steiner als seine Gegenwart, was unsere Zukunft ist. – Ohne diese Zukunft, die sich mit der Philosophie der Freiheit deckt, bliebe es allein beim Fortschritt auf dem Gebiet der toten Naturwissenschaft und deren technischer Anwendbarkeit – und parallel dazu einer fortschreitenden Demoralisierung, Entindividualisierung und sozialen Mechanisierung der Menschheit. Einzelne Menschen könnten sich nach wie vor bei alten Kulturen und Religionen noch Impulse holen, aber nichts Neues, keine Perspektive wäre der Menschheit gegeben. Letztere war und ist auch heute noch mit ihrem Latein überall dort am Ende, wo der Verstand alles zu Ende bringt und abtötet. Sie überwindet aber überall da den Todespunkt, wo das Denken vom Willen ergriffen und durchdrungen wird – in dem Bewusstsein schaffenden, vom lebendigen Willen wiederbelebten Denken. Da wirken die neuen, ätherischen Auferstehungskräfte.
Damit diese Aufgabe ergriffen werden kann, muss die «äussere» wie «innere» Situation der Menschen sich so schmerzhaft wie nötig zuspitzen. Denn niemand schlägt einfach eines Tages die Augen auf und findet sich in einem erkrafteten Denken wieder. Ein solches muss vielmehr erworben, erarbeitet werden, es muss geübt und geübt – eben: gewollt werden. Je länger wir aber schlafen, desto schärfer spitzt sich das äussere Bild zu: Das seit dem 15. Jahrhundert zur Wachheit drängende Unbewusste formt sich zu all den sozialen Kataklysmen und Katastrophen, die insbesondere im 20. Jahrhundert und bis in unsere Zeit hinein die Menschheit auszulöschen drohen. Was die Menschen nicht wissen und vor allem nicht wissen wollen, ist, wie sie selbst in ihrer Unbewusstheit treibende Kraft im Innern dieses Geschehens sind. Zu Rudolf Steiners Zeit war es der erste Weltkrieg, eine Generation später, 1939, kam der zweite. 1947 trat die Frankfurter Schule schon ihren Siegeszug an, indem sie auf dem Umweg über den Hexenkessel Chicago erfolgreich den Freudomarxismus in das ausgebombte Europa implantierte, der innert kürzester Zeit alles über Jahrtausende kulturell Errungene zersetzte und mit der 68er-Revolte die zum Ideal pervertierte Entsittlichung des Lebens wie einen geistigen Flächenbrand unter den auf Wandel hungrigen Menschen wüten liess – die ahnungslose Flowerpowergeneration auf direktem Weg in den von Rudolf Steiner für das Ende des 20. Jahrhunderts prognostizierten Kulturtod («Die Sendung Michaels», GA 194, Dornach, Nov./Dez. 1919) schickte.
Diese Anschauung mag zwar Befremden hervorrufen. In den Vorträgen 1918 jedoch schildert Rudolf Steiner, dass es sich im Bewusstseinsseelen-Zeitalter darum handelt, sogar das, was wir instinktiv tun, ins Bewusstsein zu heben. Geradezu instinktiv beurteilen wir die Errungenschaften der 68er als fortschrittlich: Make love not war! Aber um es ganz kurz zu sagen: statt dass die Menschen lernten, durch Liebekräfte der Seele den Geist zu entbinden, identifizierten sie die Liebe mit der Sexualität und verbannten sie unter die Gürtellinie, wo sie in Seelenlosigkeit verdarb. – Die heutige «westliche Seele» gleicht in mancher Hinsicht einer einstmals kunstvoll konstruierten Uhr, die aber inzwischen abgelaufen ist; die nur, wenn kräftig geschüttelt, hin und wieder noch einmal auftickt; aber niemand denkt daran, dass es ihre Bestimmung ist, aufgezogen zu werden.  
Gerade was wir anthroposophisch zu wissen glauben, bedarf eines kräftigen Ergriffenwerdens im Denkwillen, ansonsten tappen wir in die Falle einer zwar gesund-instinktiven, aber naiven antimaterialistischen Gesinnung, und verwechseln mittelalterliche Lehren, Platonismus oder Buddhismus mit Anthroposophie. Ein nicht hoch genug zu schätzender Lehrer in geänderter Zeitlage ist deshalb Karl Ballmer, weil er überall da ansetzt, wo anthroposophisch fatal und tief geschlafen wird.

Iris-Astrid Kern, lic.phil., Herausgeberin AGORA



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