NATURRECHT - WOHER? WOZU?

von Iris-Astrid Kern

Vorstellungen bilden

Neben vielem anderen hat der Mensch, der ein bewusster Zeitgenosse sein will, und der sich nicht in eine ungesunde Einseitigkeit verrennen will, die Pflicht, seine Vorstellungen ständig zu vermehren. Nun gibt es unendlich viele Vorstellungen und wahllos vermehrt, können sie einen Menschen innerlich chaotisieren. Gerade wer viel Abstraktes liest und lernt, nimmt die Dinge also zunächst in rein begrifflicher Form auf – ohne mit den zugehörigen Wahrnehmungen verbunden zu werden aus der sinnlichen und aus der seelisch-geistigen Welt. Doch erst dadurch würden die Vorstellungen individualisiert. Die Wahrnehmungen müssen wir aber in unserem Leben suchen, mit andern Worten: was wir begrifflich aufgenommen haben, muss irgendwann Erkenntnis oder Erfahrung werden – oder umgekehrt: was wir erlebt haben oder wahrnehmen können, muss seine Deutung durch den ihm zugehörigen Begriff erhalten – erst dann hat es Erdenreife gewonnen. Vorher, ohne Erfahrung, ist das Begriffliche Besitz Luzifers, das heisst erdenflüchtig, und für den betreffenden Menschen ein Fremdkörper, den er unerlöst mit sich herumträgt. Umgekehrt sind die vielen Wahrnehmungen im Leben, mit denen die ihnen zugehörigen Begriffe noch nicht verbunden sind, auch ein Fremdkörper, diesmal ein ahrimanischer, ganz an das Erdendasein gekettet, den der Mensch mit sich herumträgt. Einmal läuft er herum, als wäre er von Luftballons einwenig der Erdenschwere enthoben, das andere Mal, als hätte er Steine im Bauch. Oftmals ist in der ersten Lebenshälfte das erste der Fall, und in der zweiten Lebenshälfte, wenn es nicht gelingt, die Begriffe mit Wahrnehmungen zu verbinden, das zweite.
Leben bedeutet zweierlei: Erstens das, was einem von aussen widerfährt, begrifflich zu durchdringen, seinen Sinn zu suchen und zu erkennen und zweitens zu dem, was man begrifflich aufnimmt, was einem interessiert, die entsprechende Wahrnehmung zu machen, um auf diese Weise zu erkennen.
Was sich leicht erkennen lässt, ist etwas, was man früher, vielleicht in früheren Leben, bereits erfahren hat. Was man suchen muss auf dem Feld der Wahrnehmung, das muss man durch Taten suchen, durch Handeln. Man muss es wollen. Beides nennt sich Lernen. Das erste ist aber eigentlich kein richtiges Lernen, es ist eher ein Erinnern. Das richtige Lernen erfordert Mut. Man setzt sich mit seiner Unvollkommenheit, mit einer blossen Vorstellung, oftmals einem Ideal, dem Leben aus und prüft es am Leben, sammelt Erfahrungen eben, und findet die Wahrnehmungen zu den aufgenommenen Begriffen. Lernen ist dann schmerzlich, wenn unsere Vorstellungen zunächst einmal falsch sind. Dann sind sie noch nicht den Erdenverhältnissen angepasst. Unser Weltbild kann sich aber nur vervollständigen, wenn wir diese Korrektur benutzen. Das fällt je nach den individuellen karmischen Voraussetzungen dem einen leichter als dem anderen.

Das Wesentliche vorziehen

Es kann der Mensch eine Gesinnung ausbilden, das Wesentliche vom Unwesentlichen unterscheiden zu wollen und sich auf das Wesentliche konzentrieren zu wollen, im Denken wie im Handeln.
Wer sich so ins Leben stellt, dem fallen bald die Nöte der Zeit ins Auge, die aus dem entstehen, was der Mensch sich selber im Zusammenleben mit den andern Menschen schafft. Man kann das «die soziale Frage» nennen, die ungelösten Probleme innerhalb einer Kultur, heute der Zivilisation.
So betrachtet macht es Sinn, bei der Vermehrung seiner Vorstellungen da einen Schwerpunkt zu setzen, wo es Not gibt, die man gerne wenden möchte. Not-wendig ist es für den Menschen, das Soziale nicht oberflächlich, nicht wie es gang und gebe ist, zu betrachten, also nicht nach dem, was man links oder rechts zu nennen gewohnt ist, sondern in die tieferen Geheimnisse der Menschennatur einzudringen, und, was besonders wichtig ist: nicht nur die Begriffsneugierde zu befriedigen und Wissen über Wissen anzuhäufen, sondern die Begriffe durch entsprechende Wahrnehmungen zu sättigen. Das Erkennen geht durch Erfahrungen, die einem niemand mehr nehmen kann.
Unter dem Titel «Soziale Gegenwart» sollen nach und nach Vorstellungen aus dem Bereich der sozialen Frage vermehrt werden. Rudolf Steiner erleichtert uns dies dadurch, dass er uns den sozialen Organismus beschrieben hat und wie er dreigegliedert ist. Dies gibt uns die Orientierung, die uns hilft, uns in der unübersichtlichen Flut der sozialen Probleme zurechtzufinden. Sie gibt uns auch die Möglichkeit, die vielen Probleme, von welchen jedes einzeln für sich betrachtet immer gerade das Wichtigste zu sein scheint, in ein Verhältnis zu setzen zum Ganzen. Manch ein Problem lässt sich nicht durch sich selbst lösen, sondern dadurch, dass es ins richtige Verhältnis zu andern Faktoren gebracht wird. Bei den Pflanzen macht man es von selbst richtig: wenn eine Pflanze welkt, gibt man ihr Wasser, vielleicht muss man sie auch an einem schattigeren Plätzchen ziehen oder sie braucht eine andere Bodenbeschaffenheit. Im Sozialen verhält man sich oft gar nicht so weise, sondern man versucht ständig, den Stängel aufzurichten – der sich von selber aufrichten würde, würde man ihm die geeigneten Verhältnisse schaffen.
Des Menschen Ich ist es, das die Verhältnisse schaffen muss im Sozialen, wie es auch das menschliche Ich ist, welches der Kulturpflanze, die nicht von Natur aus an der richtigen Stelle wächst, die richtigen Bedingungen schaffen muss, damit sie gedeiht. Nur ist das Soziale um ein Vielfaches komplizierter als das Pflanzenwesen.

Sozialer Organismus

Wie der Mensch erkennen muss, was die Pflanze benötigt, um zu gedeihen, so muss der Mensch auch erkennen, was der Mensch benötigt, um zu gedeihen. Er kann nicht allein zum Menschen werden, sondern er würde in jeglicher Hinsicht ohne die Mitmenschen verderben. Der Mensch braucht die andern Menschen, was das Zusammenleben bedingt, wirtschaftlich, bildungsmässig, und er muss auskommen mit den anderen. Er braucht eine Kultur des Zusammenlebens, um nicht zu vertieren. Um das zu schaffen, muss er sich selber kennen. Heute haben wir aber einen Zustand, in welchem das Wirtschaftliche die Basis des Zusammenlebens bildet und den Rest bestimmt. Die Begriffe, die das soziale Leben erklären sollen, sind alle nur sehr dürftig ausgebildet, billig und kurzgreifend. Die Sozialwissenschaft will eine empirische Wissenschaft sein, die als Erkenntniskriterium nicht die menschliche Erfahrung nimmt, sondern die statistische Zahl. Um das Soziale zu verstehen, muss der Mensch aber bei sich selbst anfangen, er ist das Wesen, das den sozialen Organismus belebt – nicht seiner Zahl, sondern seinem Erleben und seiner Entwicklung nach fördert oder kränkt er den gesunden Organimsus, und wird von dessen Gesundheit oder Krankheit geprägt.
Nichts geschieht im Sozialen, was nicht zu dem in das Rechtsleben, das Geistesleben und das Wirtschaftsleben gegliederten Organismus gehört. Zum Beispiel gehören die Ideen, die durch das Geschriebene Ausdruck finden, zum Geistesleben. Indem eine Zeitschrift ein Produkt ist, das gedruckt und gekauft wird, gehört sie dem Wirtschaftleben an. Jemand nimmt sich das Recht, die Zeitschrift herauszugeben und andere, sie zu abonnieren. Was immer man betrachtet an einem sozialen Phänomen, es gehört dem ganzen Organismus an. Je nachdem, was man gerade ins Auge fasst, tritt mehr das Eine oder das Andere, mehr der geistige oder mehr der rechtliche oder der wirtschaftliche Lebensaspekt in den Vordergrund. Im Rechtsleben schwingt immer ein Unwägbares, etwas Unberechenbares mit. Gesetze schaffen hier Erleichterung, einen gewissen Freiraum und Rahmenbedingungen. Aber durch Gewohnheit oder soziale Automatismen stumpft dabei das urprüngliche Gefühl für das Recht ab und das Rechtsleben stirbt ab. Sich ein Recht zu nehmen für etwas Neues, ist eine Mutfrage. Auch sein Recht zu verteidigen, wenn es angefochten wird, ist eine Mutfrage. In der heutigen Zeit kann man feststellen, dass dieser Mut immer mehr erlischt. Gerade an Menschen wie Troxler oder Wilhelm Tell bewundern wir den Mut, der sie für das Recht einstehen lässt, das sie in ihrer Brust empfinden, weil das Gesetz sich als rechtswidrig – dem empfundenen Recht widersprechend entpuppt. Es ist der Mensch, der die Gesetze schafft und nicht umgekehrt. Also muss auch der Mensch die Gesetze korrigieren, wenn sie zu Unrecht führen oder nicht genügen. Anders geht es nicht.

Naturrecht

Naturrecht klingt vielleicht gelehrt und abstrakt, doch entspringt die Auseinandersetzung mit dem Recht einem menschlichen Urphänomen. Gerade um diesen Ursprung, den jeder in sich selber trägt, und der damit jeden etwas angeht, geht es hier. Das Naturrecht erinnert uns auf geistesgeschichtlichem Weg an diese ursprüngliche Rechtssphäre, wo die Mutkräfte gefordert sind. Vieles, was wir heute an Gesetzen haben, hat sich vom Ursprung des Rechts zu weit entfernt und hat mit Recht gar nichts mehr zu tun, sondern ist etwas anderes, das bloss seinen Namen trägt – ein Bettler in Königskleidern oder ein Lump, der Salomons Krone gestohlen hat.
Will man das Rechtsleben im sozialen Organismus aufsuchen, so genügt es nicht, mit dem Verstand auf Strukturen zu blicken, sondern es braucht einen Zugang zur Wahrnehmung, wie das Recht in seiner Ursprünglichkeit ist, ohne dass es durch die Bequemlichkeiten der Gewohnheit und die vielen Gesetze, die dem Rechtsempfinden nicht entsprechen, verdorben ist. Man muss diese widrigen Umstände loswerden, um zum Kern des Rechts vorszudringen. Der Begriff Naturrecht kann für den Versuch stehen, den andere bereits gemacht haben, diesen «Rechtskern» in verallgemeinerter Form bewusst und eben begreifbar zu machen.
Nicht alle verstehen unter Naturrecht das gleiche, und wie immer gibt es darüber Diskussionen. Was hier folgt, soll keine Diskussion sein. Wir hängen auch nicht an dem Begriff «Naturrecht», sondern wir suchen und finden in den verschiedenen Auffassungen dazu verschiedene Vorstellungen, die jede wieder einen anderen Aspekt des Rechts bewusst machen kann und uns an verschiedenen Stellen dieses wichtigen Teils unserer Menschlichkeit und unseres sozialen Miteinanders ansprechen. Nicht die Verallgemeinerung wird gesucht, sondern die konkrete, individuelle Erfahrung, mit der der Einzelne etwas anfangen kann.

Iris-Astrid Kern, lic.phil., freischaffende Publizistin, Malerin und Herausgeberin AGORA Magazin 


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