PRO DOMO NOSTRA




In des Geistes Weltgedanken
 erwachet die Seele.

R. Steiner


Im Kampf ums Bewusstsein für Rudolf Steiners Geisteswissenschaft –

Liebe Freunde der Agora!

In den letzten Jahren hat sich die AGORA stark verändert, von Mitteilungen aus dem Veranstaltungsleben hin zu eigenständigen anthroposophischen Beiträgen. Aufgrund etlicher Rückmeldungen darf ich davon ausgehen, dass es für viele Leser von Bedeutung ist, was wir machen: reine Anthroposophie zu vertreten im Sinne Rudolf Steiners. Trotzdem müssen wir jetzt die Erscheinungsweise von monatlich auf zweimonatliche Doppelnummern reduzieren, weil es schlicht zu wenig Unterstützung für unsere Arbeit gibt.

Das führte uns zu der Frage: Wie steht es mit der Bewusstheit der anthroposophischen Bewegung? Wie vieles wird nicht schöngeredet in dieser Bewegung! Aber das, was heute von ihr übrig ist, funktioniert – da, wo es noch funktioniert – im Nachlauf der alten Vorstellungen, die man sich vor mehr als hundert Jahren gemacht hat. Es ist heute in der Öffentlichkeit nirgends ein aufrichtiges Ringen um das Verständnis Rudolf Steiners zu finden. Schon zu Lebzeiten musste er einmal sagen: «Wenn nur ein halber Mensch das aufnehmen wird, was ich zu geben habe, werde ich meine Mission erfüllt sehen.»* Dessen eingedenk hat sich eine Bewegung, die kein Organ dafür entwickeln wollte, worin dieses «Was» besteht, das er zu geben hat, im Grunde totgelaufen, und wenn sie noch lebt, dann nur deswegen, weil ihr ein Schrittmacher implantiert ist, der ihr flaues und abgenutztes Herz weiter ticken lässt.

Die wenigen Impulse, die es gibt, sind schwach: geschwächt durch die anthroposophischen Gepflogenheiten und die Niedergangskräfte der Zivilisation. Wie oft hat Rudolf Steiner vom unausweichlichen Niedergang der Zivilisation gesprochen, wenn ihr nicht wieder Geistgemässes eingepflanzt werde. Zuvörderst wäre da an die Wissenschaft des Geistes zu denken, die den Menschen nicht nur zwischen Geburt und Tod, sondern auch zwischen Tod und neuer Geburt kennt und erkennt, und durch die sich der Mensch seines geistigen Ursprungs bewusst wird. Diese Wissenschaft ist da, aber man lebt nach wie vor an ihr vorbei, vor allem die Anthroposophen mit ihrer fundamentalen Ahnungslosigkeit von der geistigen Welt und von Rudolf Steiner – was nicht in letzter Linie eine Folge des Versagens der führenden Anthroposophen ist, derjenigen also, die, statt Rudolf Steiners Lebenswerk vor der Welt adäquat und getreu zu vertreten, es auf Schritt und Tritt versimpeln und blamieren.

Beide Hände aufs Herz: wieviele anthroposophische Dozenten, Autoren usw. sind da, die ihr Publikum dazu anhalten und anleiten, Steiner zu verstehen? Es sind die Allerwenigsten, um nicht zu sagen: Niemand. Die meisten schmücken sich mit Federn, die sie von Steiners Büchern und Vorträgen abzupfen, und werden dafür bewundert, dass sie Vorträge um Vorträge referieren, Bücher um Bücher kompilieren, sich in der GA wie im Karma anthroposophischer Pioniere auskennen, dass sie ferner Meditationsseminare durchführen und ihre Anhänger schon bei den ersten Schritten auf dem Schulungsweg direkt in die Ahnungslosigkeit geleiten. Es geht so weit, dass man, um in die obersten Funktionärsgremien der anthroposophischen Gesellschaft gewählt zu werden und um die jungen Studenten in die Anthroposophie einzuweihen, beste Aussichten auf Erfolg hat, wenn man einen «Leistungsnachweis» mitbringt, der darin besteht, etwa «erforscht» zu haben, dass sich Steiners Heilpädagogischer Kurs in vier – nein: fünf Sätzen von Albertus Magnus unterbringen lässt! Nicht darum geht es ihnen, bei Rudolf Steiner in die Schule zu gehen und ihn lesen zu lernen, sondern darum, ihm durch die altehrwürdigen Fossilien zur Gewichtigkeit zu verhelfen – welche Fossilien sie übrigens erst durch ihn selbst erkennen und schätzen gelernt haben! Mag es bei ihnen auch von allerlei Trouvaillen aus Jahrhunderten wimmeln – was bei ihnen mitten am hellen Tageslicht mit der Laterne nicht zu finden ist, ist – Anthroposophie!

So aber gemahnt die anthroposophische Weltbewegung an das Unglücksschiff Titanic, das (zusammen mit der ganzen Welt) seinen Untergang sicher und unabdingbar ansteuert. Wo findet sich ausserhalb vereinzelter, zerstreuter Arbeitskreise ein Rettungsboot, ein Ort, wo die Menschen, die um das Verstehen von Rudolf Steiners Geisteswissenschaft ringen, sich im Geiste begegnen könnten, wo also eine Arbeit, auch über weite Distanzen hinweg, stattfände? Wo man an dem geistigen Strom des angebrochenen lichten Zeitalters konkret, wahrnehmbar und bewusst in gegenseitigem Austausch teilnehmen könnte? Einen solchen Ort finde ich nirgends, wo immer ich mich umschaue in der «Anthroposophischen Bewegung»!

Aber: dazu ist die AGORA in den letzten Jahren herangewachsen! Es hat sich immer deutlicher herauskristallisiert, dass es um einer Zukunft willen nur um das kompromisslose Einstehen für das Gegenwärtige auf Erden gehen kann, damit sich für den Menschengeist, der Rudolf Steiner heisst, auch Seelen heranbilden können, in denen er leben und weiter wirken kann. Dies kann nur durch die konkrete, individuelle geistige Arbeit erreicht werden, durch welche Rudolf Steiners Worte in den Einzelnen Anschauung und Leben werden.

Liebe Freunde der Agora, dieses Magazin will keine gewöhnliche Publikumszeitschrift, sondern ein Organ im Geiste Rudolf Steiners sein, das Seelen erweckende anthroposophische Arbeit vermittelt! Wir sind auf Ihre Unterstützung angewiesen: sowohl gedanklich als auch materiell.

Iris-Astrid Kern
lic.-phil., Herausgeberin AGORA-Magazin


* Margarita Woloschin: Die grüne Schlange. Lebenserinnerungen. Verlag freies Geistesleben, 2009




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