TAUWETTER



Wie ein roter Faden zieht sich der Vortragszyklus Rudolf Steiners: «Die Erziehungsfrage als soziale Frage» durch diese Ausgabe. Das Gelingen oder Misslingen des Sozialen ist direkt abhängig davon, was für eine Erziehung wir als Kinder bekommen haben, ob einige grundlegende Dinge richtig gemacht worden sind oder nicht. Natürlich kann man sich einen solchen Zusammenhang abstrakt vorstellen – und daraus allerlei Erziehungsgrundsätze ableiten. Das führt jedoch in die bekannten Sackgassen, wie etwa die der Erziehung zur «Tüchtigkeit fürs Leben». Alles wird in den Brennpunkt des Tüchtigwerdens gerückt, und ist der Zögling nicht willig, so kommen autoritäre Ersatzhandlungen zum Zug.
Bei Rudolf Steiner lesen wir nicht nur, dass ein Zusammenhang zwischen Erziehung und dem späteren sozialen Leben besteht, sondern worin genau dieser besteht! Es werden also nicht, wie soeben geschildert, Wünschbarkeiten in Massnahmen umgesetzt, wie das (ganz konform mit Marxens These: Die Philosophen haben die Welt interpretiert, es kommt aber darauf an, sie zu verändern) üblich ist, sondern Rudolf Steiner weist auf ganz konkrete Zusammenhänge hin, wie zum Beispiel denjenigen, dass ein Erwachsener nur das gleiche Recht der Menschen erleben kann, wenn er als Kind im 2. Jahrsiebt die Möglichkeit bekommt, Autorität zu erleben! Umgekehrt: das mittlere Glied des sozialen Organismus nimmt Schaden, wenn die Kinder im 2. Jahrsiebt nicht auf Autorität hin Dinge kennenlernen und erleben können!
Hier lauert aber schon eine erste Falle, in welche ich bereits habe Eltern tappen sehen, die zwar der Waldorfpägagogik wohlgesonnen waren, aber vor dem Wort «Autorität» zurückgeschreckt sind. Sie wollen ihre Kinder ohne Autorität erziehen, wollen ihnen allen «Platz zur freien Entfaltung» lassen und glauben, ihnen dadurch etwas Gutes zu tun. Aber genau das Gegenteil ist der Fall. Ein liebevoll-autoritäres Wesen ruft in den Kindern Vertrauen und Verehrung hervor, sie entwickeln ein Gefühl für die Autorität, wenn der Erwachsene weiss, dass es gut ist, was er anordnet. Deshalb habe ich vorhin auch «autoritäre Ersatzhandlungen» erwähnt. Gemeint sind Zwang, Druck, Gewalt, Strafmassnahmen. Solches «braucht» es nur da, wo die hier gemeinte Autorität gerade eben fehlt, wo der Erwachsene selber eine Unsicherheit in sich trägt. Er muss als Autorität in sich selber ruhen können, sonst strahlt er sie nicht aus, und sie wird im Kind auch nicht erweckt.
Der genannte Zusammenhang zwischen der Autorität in der Kindheit und der Gleichberechtigung später erhellt auch ein politisches Phänomen – nämlich das der Forderung nach mehr Gerechtigkeit und der Überbetonung von Minderheiten in hoch entwickelten, freiheitlichen Gesellschaften. Wer kann Gerechtigkeit fordern? Doch nur der, der sie nicht erlebt! Es gibt natürlich ungerechte Dinge auf der Welt, aber es ist nicht die Rede von diesen, sondern von den Fällen, wo Gerechtigkeit ganz ungerechtfertigterweise gefordert wird, wo ein Mensch mit gesundem Gerechtigkeitsempfinden frei heraus sagen muss: das ist unverhältnismässig. Solche Unverhältnismässigkeiten treten bei Menschen auf, die kein Organ haben ausbilden können für die natürliche Autorität. Sie kennen selber nur Willkür und unterstellen das entsprechend auch den anderen. Sie haben aber gleichzeitig eine tiefe Sehnsucht nach dem Echten, ohne jedoch erkennen zu können, wo es sich geltend macht. Von solch kranken Seelen werden die staatlichen Systeme ersonnen. Soziale Mechanismen wurden eingerichtet, die für Gerechtigkeit oder Gleichheit sorgen sollen, wie zum Beispiel die Frauenquoten. Das ist ein ahrimanisches Gegenbild von Gerechtigkeit. Herzensangelegenheiten werden von Schrittmachern besorgt.
Der erwähnte Vortragszyklus ist einer von unzähligen Beweisen, dass nicht unsere allgemeinen Vorstellungen massgeblich sind, wie die Welt zu sein hätte, sondern ein Wissen, das der vollen Anerkennung des Menschen als eines Geistwesens entspringt und ganz konkrete Einsichten und Zusammenhänge schafft. Das Soziale ist die menschliche Schöpfung schlechthin, das Experimentierfeld Gottes, der sich ganz in die Welt ausgegossen und sein Bewusstsein an die Menschen verschenkt hat. Es hat bis auf den heutigen Tag wenig kompetente Verwalter gefunden. In einer Gesellschaft, die sich liberal nennt, aber marxistisch denkt, weil sie davon überzeugt ist, dass die Basis des Lebens das Wirtschaftliche sei und auf ein Geistesleben verzichtet werden könne, muss auch den freien Herzschlag der Nächstenliebe durch Pflichten und Regeln zum Erstarren bringen.
Was für ein Tauwetter bringt hier doch Rudolf Steiners lebendige Geistessonne!

Iris-Astrid Kern, Herausgeberin AGORA



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