Anthroposophen im Zeitgeschehen – einige Beiträge zum Umgang mit der Ukrainefrage

UKRAINE-KRIEG

EINE KURZZUSAMMENFASSUNG
Seit Wochen hören, lesen, sehen wir in den Leitmedien westliche Propaganda zu der am 24. Februar begonnenen militärischen Intervention Russlands in der Ukraine. Die Vorgeschichte dieses Krieges liegt mindestens 8 Jahre zurück. Sie wird selten überhaupt thematisiert, und wo doch, da wird sie entweder dementiert oder immerhin massiv verharmlost und als pure russische Propaganda dargestellt. Hier soll in groben Zügen der Hergang aus der offiziellen Sicht Russlands aufgezeigt werden (ein ausführlicher Beitrag zur Geschichte der Ukraine und den Wirkursachen dieses Krieges von Karen A. Swassjan, S. 9). Seit 2014 führt die ukrainische Regierung im Osten des Landes Krieg gegen die eigene Bevölkerung, weil diese sich weigerte, das von Kiew angeordnete Verbot der russischen Sprache zu übernehmen. Während es die von Lenin seinerzeit abgetrennte und zur Ukraine geschlagene russischstämmige Bevölkerung heim nach Russland zieht, will die westlich orientierte  ukrainische Regierung in die EU und in die NATO. Nachdem die NATO ihr bei der Auflösung des Warschauer Paktes getätigtes Versprechen an die Adresse Russlands nicht einhielt und sich in den letzten 20 Jahren sukzessive immer weiter vom Nordatlantik nach Osten bis an die russische Grenze ausdehnte, blieb die Ukraine die letzte große «Pufferzone» zwischen NATO und Russland. Für Russland ist es die minimalste Bedingung zur Wahrung seiner Sicherheitsinteressen, dass diese Pufferzone bestehen bleibt. Dazu kommt, dass die Ukraine ein unberechenbares Pulverfass ist. Seit dem 2. Weltkrieg ist sie mit Dutzenden von rechtsnationalistischen Banden vollgepfropft, den sogenannten Banderisten, deren bekannteste das Asow-Bataillon ist. Sie richten sich nicht mehr gegen die jüdische Bevölkerung wie noch während des 2. Weltkriegs, sondern gegen die russische Bevölkerung im eigenen Land. Diese paramilitärischen Gruppen waren am Chaos des Euromaidan beteiligt und sind für die Tötung von ca. 15 000  Bewohner im Donbass wie auch für  den Brand im Gewerkschaftshaus von Odessa am 2. Mai 2014, wo über 40 Menschen qualvoll starben und um die 200 Menschen verletzt wurden, verantwortlich. Derweil unterstützten die USA sowohl die offizielle wie auch nationalistisch ausgerichtete ukrainische Armee nicht nur mit milliardenschweren Investitionen, sondern auch mit Waffen undMilitärausbildnern. Als nun im Februar an der Münchner Sicherheitskonferenz 2022 der ukrainische Präsident Selenski davon zu sprechen begann, dass sein Land auch noch Atomwaffen wolle, konnte Russland dem Treiben nicht mehr länger untätig zusehen.  Am 22. Februar 2022 hat Russland die von der eigenen Regierung diskriminierten und bombardierten ukrainischen Regionen im Donbass, Donezk und Lugansk, für unabhängig anerkannt.  Am 24. Febraur 2022 begann der russische Präsident Putin mit gezielten Militäroperationen seine Ziele des jetzigen Krieges zu verfolgen: Befreiung der russischstämmigen Ostukraine, Entmilitarisierung und Entnazifizierung der Ukraine und deren Neutralität. Von der Entmilitarisierung wurden innert Kürze große Erfolge gemeldet. Die wichtigsten Flughäfen, Militärbasen, Munitionslager sollen bereits vernichtet, geräumt oder besetzt sein. Was die Entnazifizierung anbelangt, ist es schwer, sich ein Bild zu machen. Fakt ist, dass die ukrainische Regierung allen und jeden zum «Mitmachen» gegen die russischen Truppen, die strikten Befehl zum Schützen der Zivilbevölkerung haben, aufruft. Durch das Motto «Jeder ein Soldat» entsteht die unmögliche Situation, dass der Krieg nun doch die Zivilbevölkerung in Mitleidenschaft zieht. Freiwillige werden angeworben aus aller Herren Ländern. Es ist kein Witz, dass der Westen es löblich und tapfer findet, wenn 17-jährige ukrainische Mädchen Molotowcocktails basteln, und jeder, der nur will, Zugang zu Waffen und Munition bekommt. Und der Westen liefert Nachschub an Waffen und Ausrüstung, damit das Gemetzel aller gegen alle auch schön weiter geht, statt dass er sich hinter die Forderung Putins nach Entmilitarisiserung, Entnazifizierung und Neutralität der Ukrainie stellte. Das Hindernis scheint zu sein, dass man in Russland immer noch das alte Gespenst der Sowjetunion sieht. Dabei sucht Putin seit 2007 aktiv den Dialog mit Deutschland und Europa. Der Westen versteht diesen Krieg als willkürliche Invasion Russlands in ein autonomes Land, womöglich um territorialen Zugewinns willen (was ein kurzer Blick auf die Landkarte sofort als lächerlich erkennen muss), und bezichtigt Russland des Völkerrechtsbruches. Russland sieht das anders. Es gibt Gründe dafür, die Bildung der jetzigen ukrainischen Regierung als nicht völkerrechtskonform anzusehen. U.a. standen bei den regierungsbildenden Wahlen bloß nationalistische Kräfte zur Wahl. Dass der Westen dies alles ignoriert, führt Präsident Putin dazu, vom Imperium der Lügen zu sprechen. 

AUTISMUS DER INTELLEKTUELLEN
Ihre noble Aufgabe, eine neutrale, nüchterne Sicht auf die Ereignisse und deren Hergang zu schaffen und durch ihre Einsichten Konfliktlösungen vermitteln zu helfen, scheinen die Intellektuellen überhaupt nicht mehr zu kennen. Was sie hingegen kennen und leben, ist die absolute Zurückgezogenheit in die eigene von Klischees geprägte Gedankenwelt. Zwei Beispiele dieses intellektuellen Autismus seien hier stellvertretend für viele angeführt:

INFERNO-3
Professor für Schulpädagogik mit Schwerpunkt Waldorfpädagogik und Dekan der Alanus Hochschule Alfter, Jost Schieren, Anfang März auf Info3: «... Wer die Chance dazu hat und Putin nicht tötet, begeht unterlassene Hilfeleistung ... Kill Putin ist ein Aufruf, eine Aktion und eine Botschaft, die jetzt durch die Welt gehen muss ... #killputin ... dieser Aufruf ist vielmehr rationales Kalkül der Menschlichkeit: ... Kill Putin!» Dass so etwas heute auf Strassen und Plätzen skandiert wird, ist ja schon beinahe unvorstellbar, aber es ist erklärbar: so ist halt der Mob. Schieren hält dies für «rationales Kalkül der Menschlichkeit». Die Gesellschafter des Info3-Verlags in Frankfurt a.M., die das Pamphlet veröffentlichten, «fühlen sich» in ihrem Leitbild «einer modernen, weltoffenen und diskursfähigen Anthroposophie verpflichtet». Einer Anthroposophie, die offen und beschwingt zum Mord aufruft – in der Perspektive des bekannten Mottos «Jeder Mensch ein Künstler»: «Jeder Mensch ein Killer». Von einer solchen Anthroposophie, wie sie vom Professor für Waldorfpädagogik Jost Schieren und dem Verlag Info3 vertreten wird, kann nur gesagt werden, dass sie auf den Hund gekommen ist. Ein Minimum wäre, wenn alle offiziellen Organe, die mit Schieren und Info3 verbunden sind, u.a. die Alanus Hochschule, der Bund der Freien Waldorfschulen, die Sponsoren von Info3 und die Anthropsophische Gesellschaft in Deutschland sich von der Unzurechnungsfähigkeit des «Professors» und des anthroposophischen Revolverblattes öffentlich distanzieren würden. Ein Maximum, wenn man Schieren einer psychiatrischen Expertise unterziehen würde, einschließlich der ganzen Alanus- und Info3-Belegschaft. Handelt es sich doch bei öffentlicher Anstiftung zum Mord um eine Straftat. Info3 hat inzwischen die Spuren verwischt wie ein Dieb, und den Beitrag «in Übereinstimmung mit dem Autor» vom Netz genommen. Aber wer weiß, bei der Anthroposophie der Anthroposophen muss man auf alles gefasst sein: vielleicht will ja die Zeitschrift «Anthroposophie» der Anthroposophischen Gesellschaft in Deutschland das Pamphlet ihres Redakteurs Jost Schieren nochmals veröffentlichen ...
https://info3-verlag.de/blog/killputin/?fbclid=IwAR0-69VA_Gk-cv1dX70UOaGZAPTUndlJJF6uBVOufBCxMqQBAU71zlyTrXY

«ES IST AN DIFFAMIERUNG NICHT ZU ÜBERTREFFEN»
Frithjof Benjamin Schenk, Professor für Osteuropäische Geschichte an der Universität Basel, dementiert systematisch jedes Argument der russischen Seite über die katastrophalen Zustände in der Ukraine, die zu den jetzigen Kriegshandlungen geführt haben. Ein Pferd mit Scheuklappen wäre dagegen als hellsichtig zu bezeichnen. Für den vielfach – u.a. von der UNO – dokumentierten Tod von mehr als 3’000 russischsprachigen Zivilisten im Donbass hat der Osteuropa-Experte ein «Nein, es gab keinen Genozid an der russischsprachigen Bevölkerung im Donbass» übrig. Ohne die Spur eines Nachweises. Stattdessen spricht er von der «Legende von der Bedrohung Russlands durch die Nato». Hochgradiger Autismus. Man braucht bloß die «Legende» von der NATO-Osterweiterung z.B. ins Brennglas der Kubakrise zu rücken. Kuba ist 5:30 Flugstunden entfernt von Washington. Kiew ist 1:20 Flugstunden entfernt von Moskau. Eine Rakete allerdings braucht nur 3 Minuten. So eine Vorstellung würde der Professor ebenfalls als «propagandistisches Narrativ» abtun, wie alles von dem, was Russland berechtigt vorbringt. Etwa die Notwendigkeit, die Ukraine zu entnazifizieren. Dies wischt Prof. Schenk einfach vom Tisch. Es gebe da marginale extremistische Splittergruppen am rechten politischen Rand wie auch in der Schweiz und in anderen europäischen Ländern! Der Autismus von Herrn Schenk scheint hier über den Rahmen des Akademischen hinauszugehen und sich auch im Bereich der gelben Presse zuhause zu fühlen. Der einzige Beweis, den er liefert, ist vom Niveau eines begriffsstutzigen Erstsemesters: Faschismus kann es in der Ukraine gar nicht geben, da ihr Präsident Selenski ja ein Jude ist! Wir empfehlen dem Professor, falls er überhaupt des Lesens mächtig ist, ein Lexikon zur Hand zu nehmen, den Begriff Faschismus nachzuschlagen, und die Definition des Faschismus mit den allbekannten Tatsachen der ukrainischen Wirklichkeit zu vergleichen. Nicht die Russen diffamieren die Ukrainer, sondern der Professor für Osteuropäische Geschichte diffamiert Russland, von dessen Gnaden u. a. er gegenwärtig noch sein Brot bezieht. Wer weiß, wie lange es noch möglich sein wird, wenn er und die ganze Wissenschafts- und Journalisten-Junta den Vorwürfen von Putin an den Westen weiter Nahrung liefert. (srf.ch/news/
international/kriegspropaganda-von-russland-es-ist-an-diffamierung-nicht-zu-uebertreffen)

RUSSOPHOBIE
Nach dem antirassistischen Brainwash der vergangenen Jahre, um Negerküsse und Mohrenapotheken abzuschaffen, nimmt sich die Gegenwart mehr als grotesk aus. Wo es früher «Juden raus» hieß, heißt es heute in Deutschland, und wohl schon im ganzen Westen angloamerikanischer Prägung: «Russen raus». Jeder und alle scheinen von dem sich aufbäumenden Faschismus-Dämon besessen zu sein, vom Gastwirt: «Besucher mit russischem Pass sind bei uns im Haus unerwünscht», über Bäckereien, welche Produkte mit russischen Namen umbenennen. Weiter die russischen Kinder, die in den Schulen gemobbt oder von der Lehrerin nach Hause geschickt werden, die sie vor den Mitschülern schützen will. Die großen Konzerthäuser entlassen den russischen Stardirigenten Gergijew, weil er der ultimativen Forderung der Direktion, Stellung zu nehmen zu seiner Regierung – als sich selbst verstehender Künstler – nicht nachkommt. Eine deutsche Klinik nimmt keine russischen Patienten mehr auf. Auch in der Schweiz ist ein solcher Fall bekannt geworden. Eine deutsche Universität exmatrikuliert die russischen Studenten. Die Schweizer Hochschulen beenden ihren Austausch mit den russischen Kollegen. Ein internationaler Kardiologenverband schließt die russischen Mitglieder aus. Das gleiche tun die Onkologen. Bleibt nur darauf zu warten, bis auch Gynäkologen politisch reif werden ...
Erst recht im Krieg ist es notwendig, Kultur, Bildung und Wissenschaft frei zu halten von dem Politischen. Wissenschaftler und auch Wirtschaftende sind keine Kriegsparteien. Sie werden ohnehin durch die Kriegshandlungen in Mitleidenschaft gezogen und brauchen das Leid nicht noch zu vermehren. Dazu gibt es die Armeen, die eigens für die Kriegshandlungen da sind. Verstehen ist hier angesagt. Wenn keiner, der versteht, mehr gehört wird, geht der Kampf bis zum letzten Blutstropfen. Der Autismus der Intellektuellen lässt die gesamte Gesellschaft verdummen und verrohen.  
Die Frage stellt sich, ob ein seelisch gesunder, verantwortungsvoller Mensch in einer solchen Gesellschaft noch etwas anfangen kann.                               I.A.S.



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