AUFRUF



WEG AUS DER CHAOTISIERUNG DER GESELLSCHAFTEN  –

ZU EINEM GESUNDEN SOZIALEN ORGANISMUS

 

Was führt die Menschen gegenwärtig angesichts der massiven Einschränkungen durch die Staatsverordnungen zueinander – aber auch gegeneinander? Was führt sie zu den bisher nicht dagewesenen Spaltungen, die durch die gesamte Bevölkerung, ja ganze Bevölkerungen gehen und letztendlich auch durch den einzelnen Menschen selbst?

                                                       

Auf der einen Seite haben Menschen das Gefühl von schmerzhafter sozialer Vereinzelung durch das Diktat der sozialen Abstände und Trennungen von den Mitmenschen, das aufgezwungene Tragen von Gesichtsmasken, wo kein individuelles Gesicht mehr gezeigt werden kann, wo der Mensch als Einzelner in einer vermummten Masse verschwindet – mit dem Verlust seiner Autonomie und individuellen Menschenwürde.

Auf der anderen Seite gibt es das Gefühl der Angst: Angst vor einem versteckten Feind, einem heimtückischen Virus, das überall und in jedem Mitmenschen lauern kann  – eine diffuse Angst, die pausenlos durch die Medien geschürt wird. Da diese Angst durch kein wirklich bedrohliches Gegenüber ausgelöst wird, sondern ausschließlich durch die medialen Einflüsterungen, die gleichzeitig verlangen, dass man allein ihnen das Vertrauen in die Art der Bekämpfung des unsichtbaren Feindes schenkt, entsteht im verängstigt isolierten Menschen eine Art innere Spaltung, eine Dissoziierung, die ihn allmählich in den Irrsinn treibt. Das zeigt sich bereits in der Gesellschaft, entweder in Form von Agressionen oder Depressionen bis hin zu Suizidalität. [1]

Es handelt sich hier nicht nur um einen in der Geschichte und in dieser Form noch nie dagewesenen Missbrauch der Menschheit, sondern auch um Phänomene, die jetzt auf allen Ebenen des menschlichen Daseins aufbrechen: Identitätsverluste und Versorgungsängste durch wegbrechende Arbeitsmöglichkeiten im ökonomischen Bereich, Vertrauensverlust in die bisher garantierte soziale Absicherung durch den Staat, in seine demokratische Gesetzgebung, in seine Sicherheitsorgane und in die medizinische Versorgung. Dazu kommen allgemeines Misstrauen gegenüber anderen, starke innerseelische Beeinträchtigungen, keine Garantie mehr auf ein tragfähiges Kultur- und Bildungswesen, usw. Es handelt sich um einen Identitäts- und Vertrauensverlust auf allen Ebenen bis hin ins eigene Innere, ein Gefühl der äußeren und inneren Ohnmacht.

 

Da muss sich doch etwas im Menschen ganz massiv Bahn brechen, ein in noch gesund empfindenden Menschen tief sitzendes Urvertrauen in die eigenen Kräfte und Fähigkeiten, ein Grundvertrauen in andere Menschen, in die eigene nicht korrumpierte Wahrnehmung und in ein aufflackerndes individuelles Denkvermögen, das jetzt geschult werden kann. Besonders das bisher so gedemütigte Vertrauen von Mensch zu Mensch bricht sich jetzt Bahn in Form von vielen sich gerade potenzierenden Zusammenschlüssen wie großen Demonstrationen, spontanen Kulturaktivitäten und vielen anderen phantasievollen Aktionen. Es ist das starke Bedürfnis nach echter Begegnung von Mensch zu Mensch, was überall spürbar ist und teilweise großartig und ganz neu zwischen sonst völlig fremden Menschen zelebriert wird.

           

Es werden nun Forderungen laut nach Gerechtigkeit, nach mehr und direkter Demokratie, Selbstbestimmung und Freiheit und die aus einer menschlichen Mitte entstehenden seelischen Bedürfnisse nach Gleichberechtigung und Menschenwürde.

Dass diese genannten inneren Bedürfnisse einer äußeren sozialen Form bedürfen, der Form eines neuen Rechts- oder Staatsgebildes, das diesen inneren menschlichen Bedürfnissen auch entspricht, ja, ihnen sogar dient, ist ein zukunftsweisender Gedanke.

Ebenso könnte man das von den menschlichen Bedürfnissen entfremdete Wirtschaftssystem betrachten, das sich an der Versorgung aller physischen menschlichen Bedarfe zu orientieren hätte – in einer entsprechenden Form der intelligenten Herstellung von Erzeugnissen, unter Einsatz aller guten in den Menschen veranlagten und ausgebildeten Fähigkeiten.

Heute liegen viele individuelle Fähigkeiten brach oder werden gar nicht erst ausgebildet. Dazu bedürfte es eines entsprechend freien Ausbildungs-und Bildungswesens, in dem alle Menschen nach ihren individuellen Potentialen zur Geltung kommen können: Freie Schulen, Universitäten und Forschungsstätten sind unsere Zukunft, nur von Sach- und Fachkenntnissen geleitet und verwaltet, in die sich kein Staat, keine politischen und Wirtschaftsinteressen einzumischen haben.

 

Ein Staat, gleich welcher Form, würde in diesem Zusammenhang nur ein vermittelndes Element darstellen, in der Mitte von einem freien Bildungs-und Kulturwesen, also einem mehr geistigem Bereich auf der einen und einem unabhängigen Wirtschaftswesen auf der andern Seite, wo sich Menschen in ganz neuer sozialer Übereinkunft über ihre wirklichen ökonomischen Bedürfnisse und die dazu entsprechend möglichen Produktionsformen austauschen.

 

Das ist nur eine rudimentäre Skizze zu einem zukünftigen, menschengemäßen sozialen Organismus. In diesem wird jedem einzelnen Menschen das Zusammenspiel seines eigenen natürlichen geistig-seelisch-leiblichen Wesens mit der seiner Natur entsprechenden sozialen Struktur bzw. dem sozialem Organismus erfahrbar. Dass die Einrichtung eines solchen, menschengemäßen Sozialwesens nicht mit hergebrachtem Denken möglich ist, sondern der Ausbildung neuer, noch nicht bewusst ergriffener, noch nicht in die Wirklichkeit umgesetzter Denkpotenzen bedarf, aus denen heraus auch eine neue, lebendige Sozialwissenschaft Wirklichkeit werden würde, soll hier kurz angedeutet werden:

 

Drei seelische Eigenschaften des Menschen lassen sich grob voneinander unterscheiden: geistige Aktivität und Denkarbeit, seelisches Empfinden und die Suche nach Befriedigung körperlicher Bedürfnisse. Jedes der Drei rührt von einem selbständigen Glied des menschlichen Organismus her und tangiert im zwischenmenschlichen Miteinander oder Gegenüber ein je anderes Feld. Jedes führt zu spezifischen Betätigungsarten, die sich im Sozialen auf spezifische Weise äußern oder befriedigt werden. Dem wird Rechnung getragen, wenn das Gebiet, wo geistig gearbeitet wird, wo man sich geistige Anregungen sucht, vom Staatswesen unberührt sich selbst organisieren kann, wenn das Staatsleben sich ausschließlich um seelische Bedürfnisse wie Gerechtigkeit in den menschlichen Verhältnissen und Sicherheit kümmert, ohne von anderen, etwa wirtschaftlichen Interessen okkupiert zu werden, und wenn das Wirtschaftsleben nach seiner Art sich möglichst unabhängig vom Staat um die Befriedigung der materiellen Bedürfnisse der Menschen kümmern kann.

 

Ein solches Sozialwesen, das aus diesen drei jeweils autonom in sich organisierten Gebieten bestehen und dennoch ein harmonisches Ganzes bilden würde, ist heute die einzige wirklich bahnbrechend neue soziale Konzeption. Alle alten Konzeptionen haben bisher Schiffbruch erlitten. Eine neue Kombination alter Vorstellungen wird dies auch. Soll eine wirkliche Verbesserung der sozialen Verhältnisse eintreten, so müssen Gedanken der hier geschilderten Art bewegt werden, so lange und intensiv, bis sie uns bewegen zu zukunftsweisenden Umgestaltungen der festgefahrenen verrückten, immer unmenschlicher werdenden sozialen Strukturen.

 

Der wesentliche Unterschied zu den bisherigen sozialen Systemen, Staatskonzepten, Regierungsformen ist, dass diese soziale Konzeption beweglich ist. Sie enthält nicht eine feste, definierte Struktur, sondern bloß Rahmenbedingungen, die durch die Menschen, die sich darin bewegen, stets im Prozess gehalten werden. Es ist eine Illusion, dass man ein Soziales ein für alle Mal einrichten und sich dann bequem zurücklehnen kann. Wozu diese Illusion führt, zeigt die Geschichte und noch mehr die heutige Gegenwart. Sie führt ins Chaos. Die Menschheit ist an einer Schwelle angelangt, wo sie sich sagen muss: die alten Systeme haben alle versagt. Nicht weil es schlechte Systeme waren, sondern einfach darum, weil es Systeme waren. Ein System ist für ein lebendiges Wesen wie den sich entwickelnden Menschen immer ein Gefängnis. Wir müssen loskommen vom Systemdenken und uns anfreunden mit dem Gedanken: Das Soziale ist ein Prozess, wie unser ganzes Leben von Morgen bis Abend, Tag für Tag, Jahr für Jahr, Leben für Leben ein Prozess ist. Wir müssen uns daran gewöhnen, dass wir keine endgültigen Lösungen mehr finden können, die für alle und immer stimmen. Das einzige was wir können, ist, den Menschen mit seinen Eigenschaften und Bedürfnissen zu studieren und Rahmenbedingungen zu schaffen für ein freies geistiges Leben über alle Grenzen hinweg, ein gerechtes, demokratisches Miteinander von Mensch zu Mensch, von Menschengruppe zu Menschengruppe, zwischen dem eigenen und anderen Rechtsräumen – und ein brüderliches Wirtschaften im Wandel von überschaubaren produktions- und bedarfsorientierten Zusammenschlüssen, und ohne staatliche, politische Hemmschwellen.

 

Entweder werden wir noch länger von System zu System und von Chaotisierung zu Chaotisierung schreiten, begleitet von Revolutionen, Putschen, Schrecken, Not und Blut, oder es finden sich heute genügend Menschen, die bereit sind sich auf das so neu zu denkende, prozessuale Sozialwesen einzulassen, welches die sozialen Verhärtungs- und Auflösungstendenzen im Prozess aufgreift und durch Dynamisierung bzw. Konsolidierung integriert. Staatskunde, Sozialwissenschaft wird in Zukunft bewegliche, künstlerische Vorstellungs- und Denkfähigkeiten fordern und fördern.

 

Was hier in groben Zügen skizziert wurde, wurde von Rudolf Steiner nach dem 1. Weltkrieg als Sozialwissenschaft der Menschheit überantwortet. Wir führen unten Arbeitsgruppen in verschiedenen Städten an, wo sich jeder, der sich für diese neue prozessorientierte Sozialwissenschaft, die von Steiner „Dreigliederung des sozialen Organismus“ genannt wurde, interessiert, anschließen kann. Grundlegend sind die Gedanken gefasst im Buch: Rudolf Steiner: Die Kernpunkte der sozialen Frage in den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft. (Div. Verlage). Das geistige Vakuum, welches das Schicksal des Proletariers noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts war, ist heute unser aller Schicksal – da praktisch niemand mehr in sich den kulturtragenden Geist der einstmals klassischen Bildung persönlichkeitsbildend und geistig nährend erlebt.

 

Der heute notwendige, das todkranke Soziale heilende Prozess beginnt im Denken, d.h. zunächst im Erarbeiten der sozialwissenschaftlichen Schriften und Vorträge Rudolf Steiners und dieser neuen Denkweise. Wir erheben keinen Anspruch auf „Einrichten eines neuen Systems“, auch keinen Anspruch auf Auflösung des bestehenden Systems. Im Ideal können demokratische Rechtsstaaten selbst aus Einsicht ihre fixen Strukturen allmählich in bewegliche Rahmenbedingungen überführen. Diejenigen, die jetzt die Forderung erheben, Demokratie zu erweitern oder neu zu gestalten, können in der Sozialwissenschaft Steiners notwendige Ideen und Anstöße für ihre Arbeit erhalten. Die Sache ist logisch und lebensgemäß – sie erfordert bloß, dass man bereit ist, zu erfahren, wie die alten festgefahrenen Vorstellungen an einer lebensgemäßen Menschenkunde gemessen werden können und entsprechend in Bewegung zu bringen sind. Das kann nicht einfach sein. Wenn die Menschheit etwas Neues lernen muss, ist es schwierig. Alte Vorstellungen, Phrasen und Slogans bringen keine Besserung. Diejenigen, welche jetzt nach neuen Wegen suchen, mögen ihre Vorstellungen durch diese neue, bahnbrechende Sozialwissenschaft erweitern.          

Christiane Linde-Bonsignore, D-Hamburg und Iris-Astrid Seiler, CH-Aarau,  September 2020

 

Zur weiteren Orientierung s. Rudolf Steiner: Dreigliederung von Kultur, Politik und Wirtschaft (Rudolf Steiner Ausgaben, 2015). Arbeitsgruppen in Deutschland: Hamburg, Ruhrgebiet mit Düsseldorf, Berlin. In der Schweiz: Winterthur, Chur.  Referenten, die eingeladen werden können für Podien, Referate, Arbeitsgruppen etc.  

Kontakt: ja@die-gewollte-zukunft.net   Weitere Infos: www.die-gewollte-zukunft.net



[1] Internationale Untersuchungen bestätigen diese neu aufgetretenen Phänomene, vgl. „Angriff auf die Seele" von Andreas Heyer auf http://youtu.be/qwWSPaV6UKc.





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