Gesa Sitaras: Mensch sein heißt Mensch werden



Nachstehender Aufsatz entstand ursprünglich im Gedanken an meine Patienten - und an all die vielen Menschen (mich nicht ausgenommen), deren Gedankenleben (welches ja zugleich Frage-Leben sein möchte) im Augenblick meist wie eingenebelt erscheint. Er war also primär nicht an (Mit-)Anthroposophen gerichtet. Indem wir nun aber alle «Bedürftige» sind – im Sinne der Entwicklung des Frage-Organes in uns –, bin ich gern der Ermunterung durch die Herausgeberin gefolgt, den Aufsatz hier zu veröffentlichen.

Kein Kind kommt mit Angst vor Krankheit auf die Erde!

Stellen wir uns vor, wir hätten vor unserer Geburt unsere zukünftige Lebenslandschaft betrachtet, mit allen Höhen und Tiefen, mit Krankheiten, Krisen, Einsamkeiten, die wir einmal durchgehen würden – hätten wir nicht trotzdem «Ja» gesagt? Haben wir nicht trotzdem «Ja» gesagt?

Und : Was war vielleicht  der Hintergrund, der Impuls für dieses «Ja»? – Vielleicht ein mehr oder minder bewusstes Wissen oder auch nur ein Ahnen, dass alles, was mir im künftigen Erdenleben zu-kommen würde, Hilfe werden könnte zu meiner Entwicklung als Mensch –? Ja, das schlösse auch die Frage nach einem Leben mit, unter Umständen «mitgebrachten», Behinderungen ein; welcher Art ist dieses «Ja», das einem solchen Leben vorangeht?

Das hieße: Ich wäre noch gar nicht im vollen Sinne Mensch, wenn ich in einem kleinen Menschenleib in Erscheinung trete? Bin ich es denn etwa dann, wenn ich die Erde verlasse?  – Viele Fragen.

Viele Jahrhunderte lang lebte im Verständnis der Völker (bei nicht wenigen ist es heute noch so) das Empfinden, dass das Kranksein, das Krank-Werden-Können des Menschen zum Mensch-Werden, zur menschlichen Entwicklung dazugehört. Und zwar nicht als «notwendiges Übel» ,sondern als eines der «Erziehungsmittel», als eine der Entwicklungsbedingungen unseres Menschwerdens; indem sich im Durchgehen einer Krankheit oder einer Krise deutlicher unser Ur-Eigenstes heraus-entwickeln kann – im übrigen bis in die Ausbildung unseres – höchst individuellen – Immunsystems hinein. Das menschliche Leben könnte hiermit aufgefasst werden als eine ständige, labile(!) Gleichgewichtssuche zwischen gesund und krank, zwischen Krankheitstendenz und Genesungsgeschehen; und die geistig-seelische Entwicklung könnte dementsprechend aufgefasst werden als eine in dieser Gleichgewichtssuche – aber nicht ohne diese! – ständig sich ereignende. 

Angesichts der weltumspannenden Ereignisse der letzten Monate können wir uns fragen: lebt in unserer Gesellschaft ein derartiges, sagen wir: positives Verhältnis zum Kranksein?

Es gab früher – und es gibt z.T. noch – akute Kinderkrankheiten, die ihre eigenen Gesetzmäßigkeiten in sich trugen. Masern 4 Wochen, Keuchhusten ebenso – auch dem Scharlach werden bis heute 4 Wochen zugemessen, wenn er auch nicht mehr so schwere Verläufe zeitigt wie früher. Man konnte – im übrigen auch bei manchen Krankheiten Erwachsener – typische Abläufe feststellen: ein Anfluten, ein Höhepunkt, ein Abfluten der Krankheit; eine eigene Zeit der Rekonvaleszenz, des eigentlichen Genesens (= Neu-Werdens) wurde zugestanden, war bewusstseinsmäßig ­­– auch von Ärzten – mit einbeschlossen. 

Ausschläge, Fieber, im Falle des Scharlachs sogar ein habhaftes «Sich-Häuten» konnten willkommene Zeichen sein, dass im Organismus etwas durch- und umgearbeitet wurde. Dieses Etwas ist beim Kind nichts Geringeres als der überkommene, übernommene Erbleib der Vorfahren. Das durch Krankheiten geschulte Immunsystem ist ein äusserer Abdruck der leiblichen Eigenständigkeit den Eltern und auch der übrigen Mitwelt gegenüber.

Auch in späteren Lebensphasen können wir – oft erst rückblickend – erleben, wie Krankheiten und Krisen uns zu neuen Sichtweisen, neuen Fähigkeiten verhelfen können, im Sinne dessen, was ich hier einmal die «Durchindividualisierung» des Lebens nennen möchte.

Neben den sogenannten schulmedizinischen Wegen können viele heute offiziell verpönte oder mindestens abschätzig betrachtete Heilmethoden uns im Durchgehen von Krankheiten beistehen. Im Nachhinein können wir oftmals sehen, dass es ohne die Krise, die Krankheit nicht weitergegangen wäre – vielleicht können wir sogar denken, dass die Krise zu einem Moment kam, als etwas unbedingt neu werden musste und wir im alten Zustand nicht hätten verbleiben können. – Krankheit also als ein «Kunstgriff» des, sagen wir, höheren Menschen in uns, um uns weiterzubringen? Etwas Altes abzustreifen und Neues in unserer Biographie zuzulassen? Wie ist es dann aber mit tödlichen bzw. tödlich verlaufenden Erkrankungen? Gilt denn auch da noch diese Blickrichtung der Weiter-Entwicklung? – Fragen, mit denen man umgehen kann, und die vielleicht gerade jetzt danach drängen, bewegt zu werden. 

Wir haben weltweit, insbesondere aber in unserer sogenannten zivilisierten Welt, manche ansonsten schwerwiegend oder tödlich verlaufende Erkrankung abmildern oder sogar – z.B. durch Impfungen – verhindern können. Auch durch z.B. künstliche Hilfsmittel wie Gelenkersatz oder Herzschrittmacher können wir Lebensqualität verbessern oder auch Leben verlängern. Wie steht es hierbei mit der Entwicklungs-Seite des Geschehens? Wenn wir durch Krankheiten, Krisen und die folgende Genesung vielleicht «mehr Mensch» zu werden vermochten als zuvor (oder mehr der Mensch, zu dem wir eigentlich angetreten waren?), wie steht es mit diesen Möglichkeiten, ein Kranksein oder sogar das Sterben zu umgehen? Können wir der Instanz in uns, die nach der sogenannten «Krankheitsarbeit», nach Neu-Entwicklung drängt, dennoch gerecht werden? Vielleicht, indem wir in bewusster Dankbarkeit für den geschenkten Lebensabschnitt oder das Wieder-Gehen-Können dem Leben etwas zurückgeben? Auch hier wartet noch Erkenntnisarbeit auf uns.

Eine weitere Frage, die sich auftut: Ist denn durch das Verhindern bestimmter Erkrankungen auf der Erde die gesamte, weltweite Krankheitslast unter den Menschen weniger geworden? Sind nicht neue Krankheiten hinzugekommen, wo frühere verhindert wurden? Neue Erkrankungen – und auch neue Sterbensarten? – An den Eckpunkten der irdischen Biographie, Geburt und Tod, haben wir in erstaunlicher Weise manipulieren gelernt. 

Wir haben indessen den Tod ebensowenig aus dem menschlichen Leben abschaffen können wie die Fähigkeit des Menschen – ich sage es bewusst so – , in spezifisch menschlicher Weise krank werden und genesen zu können.

Einige der momentan politisch wie wirtschaftlich einflussreichsten Menschen auf der Erde hegen das Ideal, auf materielle oder materialistische Weise Krankheit und Tod abschaffen zu wollen. Ein Konglomerat von Mensch und Maschine (z.B. mit Hilfe von eingebauten Chips, etc.), ein künstlich erzeugter «Homo hygienicus», so nannte es ein zeitgenössischer Philosoph, soll eines Tages physische Unsterblichkeit gewährleisten.

Auf Grundlage der vorangegangenen Überlegungen können wir fragen: Ist denn der vollkommen gesunde – vielleicht sogar keimfreie – Mensch ein Mensch? Ist der physisch unsterbliche Mensch noch ein Mensch? Wie ist es bei einer solchen «Neuschöpfung» um die Entwicklung zum Menschen hin bestellt?

Am Anfang stand der Gedanke der labilen Gleichgewichtssuche im Raum, der unser Menschsein ausmacht; einer Gleichgewichtssuche zwischen Gesund und Krank, die sich täglich, stündlich, minütlich, sekündlich, ereignet. 

«Corona»  stellt an uns all diese Fragen. Es geht hierbei um nichts Geringeres als um die Frage: Wie soll – wie wird – Menschenleben auf der Erde sich in Zukunft gestalten? 

Nie war der Mensch dabei so alleingelassen in seiner Entscheidung wie in dem Zeitalter, das wir jetzt durchleben – was auch gut ist! Wir wollen nicht mehr von Autoritäten uns bestimmen lassen, wenn es um unser Menschsein und Mensch-Werden, um unseren Umgang mit Krankheiten und Krisen geht – weder von medizinischen noch von kirchlichen, universitären oder politischen Autoritäten will der Einzelne abhängig sein, sondern er will individuell seinen Weg zu seinem Menschsein gehen. Insbesondere viele jüngere Menschen spüren heute, daß die althergebrachten Institutionen nicht mehr taugen für ihre mitgebrachten Impulse.

Mit der Frage nach dem Menschenleben auf der Erde hängt intim die Frage nach dem Umgang mit den Naturreichen zusammen, einschließlich der Erde selbst. Wie gehen wir mit Tieren, Pflanzen und Bodenschätzen um? Dies gilt auch und gerade, wenn es um die Entwicklung von sowohl Nahrungsmitteln wie Heilmitteln geht.

Dass wir einem durch ein Tier übertragenes Virus ein sogenanntes Heilmittel (den allseits erwarteten Impfstoff) zugesellen wollen, welches mittels Tier-und Menschenversuchen hergestellt wird, erscheint mir in jedem Falle – und auf vielen Ebenen – frag-würdig.

Das, was, politik-gewollt, gerade mit und um uns geschieht, was sich äußerlich manifestiert, war einmal Gedanke. Alles im Äußeren sich Manifestierende war: Gedanke – jeder Tisch, Stuhl, etc. – Wir können heute versuchen, Gedanken zu denken, die den kommenden Generationen eine äußere Wirklichkeit ermöglichen, die ihren vorgeburtlichen Intentionen zu entsprechen vermag. Dies kann nur gelingen, wenn wir unser Fragen, unsere Erkenntnisbemühung, in das Vorgeburtliche und Nachtodliche hinein erweitern. Hierzu möchte dieser Aufsatz eine Anregung sein.


Kassel, 14.10.20



Dr. med. Gesa Sitaras ist anthroposophische Allgemeinärztin



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