"Im Denken steht der Mensch im Elemente des Ursprungs der Welt..." Editorial 22-1



«Im Denken steht der Mensch im Elemente des Ursprungs der Welt ...»
                    Karl Ballmer

Liebe Leserin, lieber Leser

Dem Beobachter der Welt und des Zeitgeschehens der letzten Jahrzehnte sticht ein interessantes Missverhältnis ins Auge: Je mehr Unfug in der Welt geschieht, desto weniger wird in den Medien davon gesprochen. In den Medien ist die Diagnose Unfug tabu, dafür wird der Unfug sachlich – man denke nur an Kunst und Wissenschaft – unterstützt, verstärkt, vervielfältigt. Wo Sinn zu vermissen und also nicht anders denn als Unsinn zu bezeichnen wäre, wird stattdessen Schein-Sinn an allen Haaren herbeigezogen und zu Seifen- und schlimmeren Blasen aufgebläht. Das Wachstum des Unsinns wird begleitet von dessen absolutem Verschweigen. Leider gilt das gleiche auch von anthroposophischen Periodika, insbesondere mit Bezug auf das Zeitgeschehen, und vor allem auch für das anthroposophische Leben. Anthroposophen – bestimmt zur Erkenntnisgemeinschaft – halten sich brav an politische Korrektheit und unterwerfen sich der Scientific Community. So etwa laufen manche von ihnen gleich rot an, wenn vom deutschen Volksgeist die Rede ist. Auf solche Weise ist längst ein wirklicher Mangel, ein Defizit, ein Vakuum im geistigen Austausch der Menschen entstanden. Mit der Agora dürfen wir in diese Lücke treten und das Defizit kleiner machen. Das praktizieren wir bereits seit einigen Jahren. Unser Ziel ist es, Dinge beim Namen zu nennen, und wenn Dinge schlimm und böse sind, so müssen sie auch schlimm und böse genannt werden. Im Unterbewusstsein wird genau dies nämlich vermisst – was sich dem geistig etwas tiefer Blickenden in den parallel anwachsenden Zerstörungskräften offenbart.

Es mag dem einen oder anderen Leser scheinen, dass wir Haare in der Suppe suchen, doch scheinen vielmehr die anthroposophischen Suppenköche an Haarausfall zu leiden, und man muss nur einmal in eine anthroposophische Suppe greifen, um schon die Hand voll Haare zu haben, aus denen man ein x-Beliebiges herausziehen und analysieren kann. Mit unseren Analysen, die auf den ersten und oberflächlichen Blick negativ oder pessimistisch scheinen können, wollen wir vielmehr zeigen, wie Anthroposophie tief, ernst, positiv und verwandelnd im Sinne des Mensch-Werdens gepflegt werden kann und muss, wie Erkenntniskräfte gebildet, ausgebildet und erübt werden. Haben wir doch der Zeitschrift das Wort Rudolf Steiners aus dem Zyklus «Anthroposophische Gemeinschaftsbildung» (GA 257, 4. Vortrag, am 13. Februar 1923 – just vor 99 Jahren) als Motto vorangestellt:

«Willensumwendung, Erkenntniserfahrung und Miterleben des Zeitenschicksals». Das Zeitenschicksal trägt gegenwärtig alle Züge des Apokalyptischen, und es ist gefährlich, ja verbrecherisch, dies zu vertuschen – ein notwendiges Wissen, das eingreifen kann, um die Unter- und Hintergründe des Zeitgeschehens zu verstehen, zu verhindern, das Erkenntnis-Schaffen aus billigem Anpassungswahn zu verhindern. Dadurch werden Zerstörungskräfte gesteigert in einem Maße, das den Fortgang der Erdenentwickelung prekär macht. In unserer Zeit sind nicht mehr nur Luzifer und Ahriman die Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft, sondern wir haben es auch mit den Asuras zu tun, die nicht bloß ihr eigenes Reich erschaffen wollen abseits vom Christus und damit sogar letztlich der Menschheitsentwicklung dienen, sondern die als gefallene Urkräfte den echten Urbeginn hassen und aktiv Christuswirken zerstören wollen. Deshalb pflügen wir mit unseren Erkenntniskräften durch deren Zerstörungswerk, durch Unsinn und Widersinn, um aus dieser Arbeit lebendige Sinn-Keime für ein echtes Menschenwerden sprießen und hervorwachsen zu lassen.

An der Feststellung Karl Ballmers: «Im Denken steht der Mensch im Elemente des Ursprungs der Welt» kann direkt abgelesen werden, worauf die gefallenen Urkräfte es abgesehen haben. Besonders, wenn man noch die Fortsetzung auf sich wirken lässt: «hinter dem etwas anderes zu suchen als sich – den Denker – selbst, für den Menschen keine Veranlassung besteht.» – «Den Denker selbst»: Wenn der Mensch Rudolf Steiner von dem in unserer jetzigen Zeit heraufkommenden Denkverbot spricht, so ist damit das Asuras-Wirken und deren Ziel klar. Und wie kann man dabei stumm oder gar wohlwollend an denjenigen vorübergehen, welche Rudolf Steiner bewusst oder aus Schwäche vertuschen? Welche ihren Lebensunterhalt damit «verdienen», dass sie an ihm in völligem Miss- und Unverständnis vorübergehen und ihn vor der Öffentlichkeit der Lächerlichkeit oder Verachtung preisgeben?

Ich hielt es für nötig, die meist nicht so direkt zur Sprache kommenden Motive unserer Arbeit wieder einmal ins Bewusstsein zu heben.

Aarau, den 23. Januar 2022

Iris-Astrid Seiler



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